Stulle mit Speck

1960?

Damals, als Kind, beeindruckten mich ganz besonders seine kohlenschwarzen Augen, wenn er von der Schicht nach Hause kam. Unheimlich sah es schon aus, wenn er versuchte, sich mit dick Nivea Creme vom restlichen Kohlestaub einen klaren Blick zu verschaffen. Manchmal hatte ich direkt Angst, er würde sich die Augen ausreiben. Gleichzeitig wirkte dieser Vorgang aber irgendwie geheimnisvoll, genauso wie sein müder Gesichtsausdruck. Nicht nur die Nachtschicht zeichnete deutlich Konturen ab, dunkle Linien prägten das Gesicht eines Bergmanns. Ein Bergmann, der den Pütt seine zweite Heimat nannte. Ein Bergmann, der mein Vater war.

Oft spekulierten meine Freundin und ich draußen beim Spielen auf dem Feld, ob sich wohl die Räder des Förderturms drehten, was durch die schnelle Drehbewegung nicht immer gleich zu erkennen war. Für mich galt dies stets als sicheres Zeichen, dass unsere Väter entweder einfuhren oder gerade Schicht machten. Wie dunkel es da unten in der Grube sein musste und unter welchen Anstrengungen sie ihrer staubigen Arbeit nachgingen, versuchte ich mir erst gar nicht vorzustellen. Es reichte schon, dass Fräulein Müller im Heimatkunde-Unterricht illustrativ jenes Bild vor Augen hielt. Bestrebt, ihren Schülern die Knochenarbeit der Zechenleute nahe zu bringen, erklärte sie mit Zeichnungen auf der Tafel wichtige Begriffe aus dem Bergbau.

Ich spüre wie meine Erinnerung an die Bergmannszeit immer schwächer wird und im Unterbewusstsein versuche ich mich dagegen zu wehren. Manchmal gelingt es in Gesprächen mit Mutter, Erlebnisse und Begebenheiten aufleben zu lassen, wobei sie sich besonders gern an Vaters goldigen Humor erinnert. Zum Beispiel, wie er es ernsthaft fertigbrachte, gemeinsam mit anderen Kumpels im Streb Mäuse zu dressieren. Natürlich musste für solch seltene Zirkusnummer die eine und andere Speck-Stulle geopfert werden. Unglaublich, wenn man bedenkt dass Vater für diese Art von Unterhaltung Kohldampf schob.

Weniger lustig fand Mutter die dreizehn Jahre andauernde Nachtschicht ihres Mannes im Pütt. Wie andere junge Frauen hätte sie die Nächte lieber mit ihrem Ehemann verbracht, statt hochkant vor Schreck im Bett zu sitzen, wenn ihr Albträume zum x-ten Mal den Schlaf raubten. Sie wusste, dass im Stollen der Tod lauerte und ständig gegenwärtig war. Was für eine Rechtfertigung von dieser Angst ausging, beweisen heute nicht allein die Friedhöfe. Im Bochumer Bergbaumuseum erinnert ein gigantischen Wandgemälde an das traurige Grubenunglück im Jahre 1912, als Kaiser Wilhelm (der sich seinerzeit in der Villa Hügel aufhielt) den verunglückten Bergleuten gedachte und den trauernden Hinterbliebenen zusagte, auch durch finanzielle Zuwendung beiseite zu stehen. Ebenso sorgt das Denkmal auf dem Gerther Friedhof für Unvergessenheit.

Zu den ganz jungen Bergmannswitwen zählte auch meine Großmutter, als ihr Johann ebenfalls bei einem Grubenunglück im Jahre 1948 ums Leben kam. Ein Schicksal, welches sie mit etlichen Familien zu teilen hatte. Nicht nur der Krieg forderte seine Opfer, die Grube behielt sich gleiche Rechte vor.

Wie bereits erwähnt, verblassen allmählich Erinnerungen an meine Kindheit als Bergmannstochter, dennoch verhelfen mir Gedankenblitze wenige einschneidende Erlebnisse aufzurufen.

Wie auch in anderen Bergmannsfamilien wurde bei uns zuhause an allen Ecken und Kanten gespart. So war es üblich, dass Mutter fünfmal in der Woche ihre Kochkunst von Eintopfgerichten unter Beweis stellte. Meine Schwester zog schon lange Zähne wenn sie nur den Speck auf Entfernung roch -der jeden Eintopf krönte- und mir wurde beim Anblick der großzügig geschnittenen Zwiebeln speiübel. Da aber grundsätzlich gegessen wurde was auf den Tisch kam, blieb uns nur das Tauschgeschäft  – Zwiebeln gegen Speck- und wehe dem, wir waren verkracht….

Für Vater stand manchmal eine Überraschung neben dem Teller, eine kalte Flasche Bier. Aber bitte kein „Fiege“, das war ihm zu herb und für Mutter, die sich hin und wieder auch mal ein Gläschen gönnte, zu bitter. Ich erinnere mich an eine braune Flasche mit Schnappverschluss, die mit restlichem Inhalt für das Abendessen aufgehoben wurde und auch daran, dass Mutter nachdem sie uns Kinder ins Bett brachte, Socken stopfte während Papa malte. Kaum zu vernehmen, unterstrich er die traute Zweisamkeit mit Seemannsliedern vom Tonbandgerät. „Lolita“ und „Lale Andersen“ sangen uns so manches Mal sehnsuchtsvoll in den Schlaf.

Am Zahltag standen überraschend viele Ehefrauen vor dem Zechentor, mit dem Hintergrund, die Ehemänner für- oder vorsorglich von der Lohntüte zu entlasten. Nicht selten kam es vor, dass der Weg vom Lohnbüro direkt zur Gaststätte führte, wo zuweilen ein ganzer Wochenlohn die Kehle runter rann.

Als wahres Rechengenie trat auch Mutter hervor, wobei sie die Finanzverwaltung generell in die Hand nahm. Im sparsamen Umgang mit dem knappen Haushaltsgeld zeigte sie sich als Expertin. Sicherlich ein Grund, weshalb mir keine echten notleidenden Zeiten gedanklich hinterhinken, auch wenn der Duft des Bratens nur einmal wöchentlich die Nase umkreiste. Das Aroma von durchwachsenem Speck machte dafür täglich seine Runde durch die Küche, Speck, egal wie fett, den Vater und ich stückchenweise auf Brot als eine absolute Delikatesse zu schätzen wussten.

(Das Gemäde hat mein verstorbener Vater gemalt)

Eine Erinnerung von Hildegard Grygierek

4 Bewertungen

  1. eindringlich

    Das ist sehr sehr schön und eindringlich aufgeschrieben – Respekt!!!
    Dieses immer wieder gehörte „Es wird gegessen was auf den Tisch kommt“ finde ich grauenhaft. Ich habe das zum Glück nie mitmachen müssen.
    Das Gemälde gefällt mir auch sehr gut.

  2. Wunderbare Geschichte.

    Sehr bewegende Schilderung des Alltags und der Gefühle…
    DANKE ,für die Mühe und das handgemalte Bild..

  3. Die Specksuppen kenn ich

    Wirklich tolle und ausführliche Geschichte. Erinnert mich zu 100% an die Schilderungen und Kochkünste meiner Großeltern.

  4. Speck unten Bild oben

    Liebe Frau Grygierek, ich habe mich sehr über Ihre ausführliche und liebevolle Erinnerung an Ihr Leben als Bergmannstochter gefreut. Ich habe noch einmal über das Schichtsystem nachgedacht. Da fiel mir auf, daß Ihr Vater, wenn er die Nachtschicht hatte, in den Schacht einfuhr, um dort in der Zeit zu arbeiten, wo es auch über Tage dunkel war. Auch wenn er dann nach der Heimkehr von der Schicht erst einmal Ruhe und Erholung brauchte, so konnte er doch noch einen guten Teil des Tageslichtes sehen. Vielleicht mochte Ihr Vater das, gerade wo er doch offensichtlich ein Hobby pflegte, zu dem man einfach Tageslicht braucht. Sie sind zu Recht solz auf das Bild, das ihr Vater gemalt hat und geben ihm sozusagen die Ehre einer posthumen Ausstellung. Wahrscheinlich war es nicht das einzige Bild, das er über die Jahre gemalt hat. Wenn ich daran denke, dann stelle ich mir vor allem eine Frage: Es gibt Museen für alles Mögliche. Warum gibt es nicht ein Museum für die Ausstellung von Dingen, die eben nicht von Profis, sondern von Liebhabern gemacht wurden? Es gibt immer noch so viele ungenutzte Werkshallen im Kohlenpott. Es wäre doch schön, wenn eine davon für einen solchen Zweck genutzt werden könnte. Ihre Erinnerung hat mir überaus gefallen. Vielen Dank.

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