Loveparade Duisburg

2010

Ende Juli, das Wetter hatte sich gedreht. Es war schwül, schwerer Himmel, ein Hitzegewitter stieß nur leere Drohungen aus. Tausende ineinander verklebte Menschen bewegten sich in zähem Taumel über den Platz, hierher, dorthin, die Polizei als überforderter Puppenspieler, das riesige Areal vor dem Hauptbahnhof verstopft, tausendfaches Gemurmel, Lachen, Singen, Angstschreie. Wann es denn endlich weiter gehe, wo denn nun die Party, was zum Teufel hier eigentlich passiert, was denn los sei, Hasse ma ‛ne Kippe?. Mitten im Gewühl versuchte sich eine lange Kette überforderter Polizisten an der fragwürdig-dankbaren Aufgabe, immer noch zuströmende Massen wieder nach Hause zu schicken. Ein junger Mann und ein Polizist, beide gleich alt, ein magentafarbenes Band am Arm des einen, lernten sich ein klein wenig kennen.

„Sehen Sie das!? Ich hab das lila Band, ich bin nämlich VIP, ich muss auf das Gelände, ich hab hier besondere Rechte!“

„Wat hasse? Hasse nich mitgekricht, wat hier passiert is!? Hier kommt keiner mehr auf dat Gelände! Mach’n Abfluch!“

„Wie bitte!? Ich bin VIP! VIP! Verstehen Sie das nicht!? Ich bin extra aus Mannheim hierhin gekommen! Ich bin nicht irgendein Besucher! Ich bin VIP!“

„Pass op: Hier geht gar nix mehr, die Fete is vorbei, schecksse dat!? Dein Armband kannze inne Tonne kloppen! Hau ab getz! V’piss dich!“

„Verdammt! Ich muss hier ganz einfach durch, ich muss! Ich bin VIP! Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein! VIP!“

„Weisse, wat ich gleich muss, Männeken!?“

Das Weiße nahm seinen Platz im Auge des Polizisten ein. Er hielt nur mit Mühe die geballte Faust in der Tasche. Ein zweiter Bulle kam dazu. Undurchdringbare Prozessionen kreuzten und querten, beschwerten sich, stolperten, torkelten, fliegende Händler winkten ihnen zu, drinks, drinks, drinks… Unverdrossen feierten die Leute in Biergärten, an Trinkhallen, vor den Internetcafés, den Asia-Shops, den Kneipen und Bars. Bataillone von Bierdosen bestimmten das Bild, dröhnende Techno-Beats, Radio- und Fernsehtöne aus weit aufgerissenen Fenstern: …unfassbar …ein tragisches Unglück ereignet, dessen Dimensionen… Lage noch nicht im Griff… …anstaltung abgebrochen… Leergutsammler mit wuchtigen Einkaufstaschen bückten sich so ekstatisch nach Flaschen und verbeulten Dosen, dass sie ratternde Helikopter über ihren Köpfen, die Menschenmassen, das Tohuwabohu gar nicht zu bemerken schienen. Laute Bässe drangen unnachgiebig vom Festivalgelände in die City, versanken in Gemurmel und Geschrei und verstummten irgendwann ganz. Wieder und wieder wurde der neueste Stand der Dinge mitgeteilt, Opferzahlen blinkten auf Monitoren.

Am Morgen danach, als wartete die bleiche Stadt auf so etwas wie ein vorläufiges amtliches Endergebnis, Stille. So weit das Auge reichte, ruhten Unrat und Scherbenmeere auf den Pflastern, Fetzen durchfeuchteter Poster, verlorene Schuhe, T-Shirts, Konfetti, Schnapspullen und zerquetschtes Weißblech säumten Gehwege und Grünstreifen. Der große Stadtpark war vollständig abgesperrt durch Bauzaunelemente, die durch riesige grellbunte Transparente getarnt worden waren. Abgerissene Hinweise auf den Weg zum Güterbahnhof lagen in Blumenkübeln, zerbrochene CDs auf Gullydeckeln. Nirgends Menschen, nur in der Bahnhofshalle noch Besucher, auf Bänken und Isomatten schlafend, dösend, die üblichen Trinker und Obdachlosen schienen verreist zu sein, das Herz der Stadt schien still zu stehen. Ein einsamer Streifenwagen raste die Mercatorstraße entlang, die ganze Gegend war ein Bühnenbild absurden Theaters, worin allem ein schwarzer Aufkleber auffiel. An Laternenpfählen hinterlassen, an Zäunen und Schaufenstern, wohl Tausende Exemplare, noch versiegelt, in den Straßen zwischen allem Müll. Der Slogan darauf brachte den fröhlichen Geist der raver auf den Punkt, fragte keinen VIP-Status ab, war sehr schlicht, bestand aus nur drei Worten, weißen Großbuchstaben auf schwarzem Grund. Von der Marienkirche über Sonnenwall, Königstraße und Mülheimer Straße bis zum Ludgeriplatz verfolgte mich der Aufkleber mit den drei Worten

DANCE OR DIE.

Eine Erinnerung von Jens E. Gelbhaar

4 Bewertungen

  1. Oh,Mann.......es schmerzt immer noch.....

    ……….EINDRUCKSVOLL………

  2. Das Bedürfnis nach Geltung

    Vielleicht ist diese Katastrophe ein Sinnbild für all das Missglückte, das auch in unserem sonderbaren Strukturwandel steckt. Das furchtbare Bedürfnis nach Geltung, sowohl bei den einzelnen Menschen, als auch bei der ganzen Region. Da macht man lieber etwas zweifelhaftes, riskantes als sich zu ducken und zuzugeben: Es sind schwere Zeiten. Und so recht, weiß hier keiner wo es eigentlich hingehen soll.
    Der Herr Gelbhaar hat einen Text dazu verfasst, der einem die Sprache verschlägt. So wie damals dieses Ereignis.

  3. Schmerzliche Erinnerungen !

    Das Leben ging weiter, und die Erinnerung verblasste.
    Jedoch dieser Beitrag lässt alles wieder schmerzlich zurückkommen.
    Und auch die Wut und die Ohnmacht, dass keiner so richtig zuständig war.
    Lasst uns nicht die Opfer und deren Hinterbliebenen vergessen.

  4. Leben und Tod

    Ich hatte mir auch überlegt, hinzugehen. Als ich hörte, die Loveparade sollte in Duisburg stattfinden, hat mich das zunächst gewundert. So alternativ sind die Leute dort nicht. Eher bürgerlich. Da fand ich es dann mutig, denn, so naiv wie ich bin, habe ich angenommen, das sollte ähnlich wie mal in Berlin wirklich in der Stadt stattfinden. Als ich dann aber hörte wo es sein sollte, wurde mein Gesicht sehr lang. Ob es in Ordnung wäre, stolz auf eine Veranstaltung zu sein, die über das Trümmergrundstück des früheren Güterbahnhofs geht, das habe ich mich gefragt. Und dann die Zugänge. Die die sicher ansehnlichen langen und fast schon tunnelartigen Bogenbrücken und dann auf die schmale Rampe auf das Gelände? Das kann bei der großen Zahl an vermuteten Besuchern nur ein unangenehmes Gedränge geben. Also bin ich nicht hingegangen, und, so viel ich weiß, die Leute von dort, die ich noch kannte, auch nicht. Ich habe nicht erwartet, daß es schließlich so schlimm werden würde, daß dabei so viele junge Leute umkommen, die einfach mal nur ein bißchen Spaß haben wollten, das habe ich fassungslos aus dem Radio erfahren.
    Der Bericht von Herrn Gelbhaar ist so life-reportagehaft, daß ich annehme, er sei dabei gewesen und er komme aus der Branche. Es ist eine sehr lebendige Darstellung eines Ereignisses, bei dem Tod und Betroffenheit so nahe der Ahnungslosigkeit waren. Allerdings- vielleicht erinnnere ich mich da nicht richtig an die Örtlichkeiten- habe ich mich gefragt, wo dort der Stadtpark sein soll.
    Das Ereignis erinnert mich an eine Erzählung von Edgar Allan Poe. Dort geht es um den roten Tod. Ich meine, die Erzählung haißt „Das Geheimnis des roten Todes“ (in der deutschen Übersetzung) den Originaltitel bekomme ich nicht zusammen. Eine Burg wird geschlossen und niemand hineigelassen, damit auf keinen Fall der rote Tod hineinkäme, der schon Trauer und Unglück über das gesamte Land gebracht hatte. In der Burg wurde ein Maskenball veranstaltet. Als dann um Mitternacht die Masken fallen sollten, war eine Person da, die sie nicht fallen lassen wollte. Ein Fremder, der niemandem in der Gesellschaft bekannt war und auch schon dabei war, als das Kostümfest auf seinem Höhepunkt war. Als er sich zu erkennen gab, war es der rote Tod, der durch keine noch so gründliche Maßnahme ausgeschlossen werden konnte, und gerade auch nicht, als das Vergnügen seinen Höhepunkt erreichte. Das Leben ist ein sehr labiler Zustand und oft muß man sich wundern, daß es überhaupt funktioniert. Auch wenn wir inzwischen zu anonymen Bestattungen neigen die uns den Tod unserer nächsten Angehörigen vergessen lassen und damit auch den Gedanken an unsere eigene Sterblichkeit. (Sicher trägt zum Vergessen auch der Umstand bei, daß die Gräber nach zwanzig Jahren aufgehoben und abgeräumt werden. Um das Ausmaß ihres fabrikmäßigen Mordes leugnen zu können, haben ja auch die SS-Manschaften der Vernichtungslager ihren Opfern „ein Grab in den Lüften“ geschaufelt (Zitat des Gedichtes „Die Todesfuge von Paul Celan, aber ich merke schon, ich bin dabei, mich zu verzetteln, das gehört nicht zum Thema. Bitte aber um Verzeihung, weil ich wirklich noch geschockt bin.)) Der Tod ist unser ständiger Begleiter, auch wenn wir das nicht wahr haben wollen und das einzige, was in unserem Leben sicher ist. Trotz der gefährlichen und schweren Arbeit im Bergwerk hat doch nie ein Bergmann sich vorgestellt, bei einem Unglück umzukommen.) Gut, das waren ein paar Gedanken dazu, macht aber niemanden von den jungen Leuten, die das Leben noch vor sich hatten, wie man so sagt wieder lebendig es zeigt aber auch, wie gefährlich eine große Menschenmenge für denk Einzelnen sein kann. Daß so etwas bei uns passiert, das war für mich bis dahin nicht vorstellbar. Das Leben ist ein Geschenk und wir sollten vorsichtig und achtsam mit ihm umgehen.

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