Weihnachtsvorstellungen für Kinder am Bochumer Schauspielhaus

1945 bis 1955

Das Bochumer Theatergebäude an der Königsallee wurde bei dem schwersten von 240 Luftangriffen am 4. November 1944 ab 18.40 Uhr völlig zerstört. In einer Nacht fielen
140.000 Bomben auf die Stadt. Mehr als 1200 Menschen starben und etwa 2000 wurden verletzt.
Der Spielbetrieb wurde bereits am 17.12.1945 im notdürftig hergerichteten Saal des Stadtparkrestaurants wieder aufgnommen. Vor einer 7 mal 5 Meter großen Bühne saß man auf 700 alten Kinostühlen in Mäntel und Decken gehüllt, denn in den ersten beiden Wintern gab es keine Heizung! Das Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ wurde als erstes für Kinder gegeben. In der Spielzeit 1946/47 folgte „Hänsel und Gretel“. In den Jahren darauf konnte man im Parkhaus „Der gestiefelte Kater“, „Rumpelstilzchen“, „Der kleine Muck“,
„Tischlein deck dich“, „König Drosselbart“, „Aladin und die Wunderlampe“ erleben.
Die erste Vorstellung im neu erstandenen Theater an der Königsallee fand am 23. September 1953 mit Shakespeares „König Richard der Dritte“ in einer Inzenierung von Intendant Hans Schalla statt. Als Kinderstück wurde „Peterchens Mondfahrt“ gegeben.
Wenn mich meine Mutter auch schon in den Vorjahren in die Weihnachtsmärchen-Vorstellungen mit genommen hatte, habe ich an diese Inszenierung erstmals Erinnerungen.

Der arme, dicke Maikäfer Sumsemann, dessen Großvater das Pech hatte, von einem gemeinen Holzdieb um sein sechstes Beinchen gebracht zu werden, trägt fortan nur fünf Beinchen. Er muß zwei ganz und gar tadellose Kinder finden, die ihm helfen, das sechste Beinchen vom Mondberg zurückzuholen. Diesen „Familienfluch“ haben die Sumsemanns der Nachtfee zu verdanken, die das besagte Beinchen aus Versehen zusammen mit jenem Holzdieb auf den höchsten Mondberg verdammt hat, der so hoch ist, dass man sich per Kanone hinaufschießen lassen muss.

Der fröhlich fiedelnde Maikäfer hat schließlich das Glück, in Peterchen und Anneliese jene lieben Kinder zu finden, die ihn auf seiner Reise zum Mond begleiten wollen. Auf ihrem Weg zum Mond, an den Sternen vorbei, treffen sie den Sandmann, die Nachtfee sowie sämtliche Naturgeister wie die Blitzhexe, den Donnermann, den blubbernden Wassermann, die dicke Wolkenfrau und andere – auch den furchteinflössenden, großen Bären, der sie im schnellsten „Bärengalopp“ zum Fusse des Mondbergs bringt. Auf ihrem Weg kommen sie an der Weihnachtswiese vorbei, wo der heilige Nikolaus sanft das Christkind wiegt und an dem riesigen Osternest, wo bunte Hühner unermüdlich für die Osterhasen bunte Eier legen.

Als sie endlich auf dem Mondberg ankommen, treffen sie bei ihrer Suche nach dem Maikäferbein auf den bösen Mondmann. Der jagt den Kindern und dem Sumsemann, der sich vorsorglich gleich restlos tot gestellt hat, eine furchtbare Angst ein. Er denkt gar nicht daran, ihnen das sechste Beinchen herauszugeben. Er will alles fressen, was die Kinder bei sich haben – sogar Annelieses heißgeliebte Puppe.

Als die Kinder nichts mehr haben, das sie ihm geben könnten, will der gemeine Kerl sich schon mit seiner riesigen Axt auf die Kinder stürzen, um auch sie zu verschlingen. Da aber kommen Peterchens und Annelieses Sternchen noch gerade rechtzeitig zur Hilfe. Vor dem Mondmann gerettet, finden die Kinder das ersehnte Käferbein und kleben es mit Spucke, so hat man es ihnen gesagt, am Sumsemann fest. Der wacht erst wieder auf, als er voller Freude bemerkt, dass er sein sechstes Beinchen zurückbekommen hat. Noch vor Sonnenaufgang purzeln die Kinder unter lautem Getöse zur Erde zurück und landen sanft auf dem Tisch in ihrem Kinderzimmer. Die Mutter, die die Kinder morgens weckt, ahnt von ihrem großen Abenteuer zwischen Mond und Sternen natürlich nichts – aber eines gibt den Kindern ein Rätsel auf, wie kommt der Pfefferkuchen von der Weihnachtswiese in Mutters Küche?

Ich sehe bis heute Gustav Rothe als Sumsemann, Liesel Alex als Blitzhexe und Hans Schlosze als Wassermann vor meinem geistigen Auge, alles ernsthafte Mimen, die sich nicht zu schade waren, im Kinderstück aufzutreten.

In der Spielzeit 1954/55 wurde „Der Schweinehirt und die Prinzessin“ und 1955/56 „Kater Hinz ist Schuld an allem“ auf die Bühne gebracht.

Eine Erinnerung von Norbert Hugo Wagner

2 Bewertungen

  1. Erinnern ist der Goldschatz der Seele

    Im gemeinsamen Teilen von Erinnerungen liegt der seelische Schatz unserer Welt. Biografische Spuren zeichnen ein Netz vom gelebten Leben und wir erschaffen im Innern fortwährend jedes Lebensalter neu, wenn wir auf ihnen wandern. Am Schönsten ist es, sie durch Erzählen zu neuem Leben zu erwecken und damit anderen ein Fenster oder eine Tür zum eigenen Dasein zu öffnen. Schon ergießt sich der Schatz mitten in die Welt.

  2. astrein

    Genau dieses Stück ist auch meine erste Theatererinnerung in Bochum.
    Ich war dort mit meinem Vater und habe immer noch einige Bilder im Kopf.
    Als wir dann später einen Fernsehapparat hatten, schaute ich in jedem Jahr zur Weihnachtszeit mit meinem kleinen Bruder die Verfilmung des Buches. Die Dialoge und Lieder kann ich teilweise noch heute.

    http://youtu.be/tAI3OL3Oh_I

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