Auf der B1 im Stau

1960er Jahre bis heute

An die B1 in Dortmund, genauer gesagt den Westfalen- und Rheinlanddamm habe ich seit den 1960er Jahren viele bleibende Erinnerungen.
Als erstes fällt mir natürlich der werktägliche Stau ein, in dem ich regelmäßig mit den anderen täglich 140.000 Autofahren die ungewollte Gelegenheit habe die Villenarchitektur der Gartenstadt zu bewundern.
Aber noch viel mehr Gedankensplitter reihen sich wie Perlen entlang der vielbefahrensten Straße Dortmunds.

Da ist die alte Vorkriegsstraßenbahn mit harten Holzbänken mit der man dem auch in den 1960er Jahren schon vorkommenden Stau elegant auf dem Mittelstreifen entgehen konnte. Oder die Rückfahrt vom italienischen Weinfest im Westfalenpark an dem die B1 direkt vorbei führt. Ich war Nachmittags schon so betrunken, dass ich Mühe hatte mir den leckeren Wein nicht schon während der Fahrt wieder durch den Kopf gehen zu lassen. Ich schaffte es schließlich doch bis zu meiner Haltestelle, wo es für mich dann aber kein halten mehr gab.

In meiner noch autolosen Jugend war ich oft mit meinem Fahrrad im Landeskrankenhaus in Aplerbeck unterwegs, das direkt an der B1 liegt, von uns nur kurz Anstalt genannt. Riesige Kastanienbäume boten dort im September Unmengen ihrer Früchte zum Sammeln an. Ich habe sie dann tütenweise mit meiner Oma zum Tierpark geschleppt, wo sie als Tierfutter Verwendung fanden.
Meine Oma (in Dortmund sagt man eigentlich Omma) hat nun auf der anderen Straßenseite, gegenüber der Anstalt auf dem Hauptfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden, trotz des Straßenlärms.

Als ich 15 wurde und meine motorisierte Jugendzeit begann, vergrößerte sich mein Aktionsradius. Ich wollte den mir bis dahin unbekannten Westen der Stadt erkunden und fuhr mit 25 Km/h von Aplerbeck bis zur Schnettkerbrücke die B1 entlang! Heute undenkbar, obwohl die Geschwindigkeit im Stau sicher niedriger ist.

Als es dann um meine Berufswahl ging, besuchte ich die Berufsberatung im Arbeitsamt. Auch das lag damals noch an der B1 neben dem Polizeipräsidium.
Während meiner Lehrzeit fuhr ich dann wöchentlich fünf mal in die Stadt zu meiner Ausbildungsstätte und wurde so auch Stauteilnehmer.

Aber nachts war dann doch das zügige Gleiten auf der sechsspurigen Allee möglich. So wie im März 1985 auf der Rückfahrt aus der Grugahalle vom Rockpalastkonzert. Mitfahrer war Prince, der uns live aus New York durchs Radio mit seiner Liveversion von Purple Rain auf der Fahrt von Essen bis nach Dortmund begleitete und die Nacht unvergesslich machte.

In den 1980er Jahren begann auch der kreuzungsfreie Ausbau des Westfalendammes, begleitet von Protesten und Straßenblockaden. Welch Unterschied zu heute, wo gegen die Untertunnelung der B1 nicht auf der Straße sondern vor Gericht gekämpft wird. Und das alles nur weil die IHK bemängelt, dass man auf dem Weg von Brügge nach Warschau nur in Dortmund vor zwei Ampeln warten müsse?

Nachdem die Märkische Straße kreuzungsfrei über den Westfalendamm führte, verschwand auch die Straßenbahn auf dem Weg nach Hörde unter der Erde. Dadurch war das Straßenbahndepot an der Kreuzung Ophoff von der alten Strecke abgeschnitten, und wurde noch bis in dieses Jahrhundert über eine Behelfsbrücke auf der B1 an die Tunnelstrecke angeschlossen. In den 1990 Jahren bot sich so im leergezogenen Teil des Depots für mich und eine Reihe anderer Studenten die Gelegenheit Atelierräume einzurichten. 1995 gründeten wir in der Kleverstraße den Verein „Depot e.V.“ So entstand der Vorläufer des „Kunst- und Kulturzentrums Depot“, das heute im ehemaligen Straßenbahndepot in  der Immermanstraße liegt.

Während meines Studium hatte ich auch reichlich Gelegenheit mir die Staus auf der B1 anzusehen.
Mein Fachbereich der FH Dortmund liegt gegenüber der Westfalenhalle direkt am Rheinlanddamm.
Die Westfalenhalle ist natürlich auch ein Ort unvergessener Veranstaltungen.
Mit meinen Eltern besuchte ich ein paar mal Holiday on Ice oder das Sechstage-Rennen der Radfahrer.
Als Kind war ich schwer beeindruckt von der Halle 1, diesem riesigen stützenlosen Raum in dem über 15.000 Menschen Platz finden. Auch mein erstes Konzert mit der Gruppe Santa habe ich in bester Erinnerung.

Nicht unterschlagen will ich hier die unschönen Erinnerungen die ich mit der B1 verbinde: Die ehemalige Coca Cola Verwaltung, in der heute ein während meiner Schulzeit verhasster Streber sein Büro hat. Die mobilen Radarkontrollen des Ordnungsamtes in ihren schwer zu erkennenden Fahrzeugen. Das herunter gekommene Gebäude des ehemaligen Bordells an der Kreuzung Semmerteichstraße. Der verwahrloste Garagenhof, der von der Straße abgeschnitten wurde. Der im Sturm umgestürzte Baum an der Ampelkreuzung Defdahl, der einen Autofahrer traf und tötete. Der BMW, der von der Fahrbahn abgekommen war und auf den Straßenbahnschienen landete. Helmut Kohl wie er bräsig von den riesigen Wahlplakaten auf dem Mittelstreifen herab grinste. Die potthäßliche CDU-Filiale. Der Wasserrohrbruch in Höhe der Gartenstadt, der die Fahrbahn vereiste. Die Flüchtlingsunterkünfte Ecke B 1- B 236. Der Fastfood-Fraß im Schnellrestaurant auf das die Kinder so stehen. Die Freundin, die in der Gartenstadt wohnte bis sie an Lungenkrebs starb. Das Finanzamt Dortmund Ost, dass immer noch nach meiner Steuererklärung verlangt. Und das Geld, dass ich beim Wetten auf der Trabrennbahn verloren habe, weil der blöde Gaul anfing zu galoppieren.

An all das und an noch ein paar mehr nicht jugendfreie Erlebnisse erinnere ich mich, wenn ich wieder auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause, zur Schule meiner Kinder oder zu meiner Mutter, die jetzt die Omma in unserer Familie ist, im Stau auf der B1 stehe. Vielleicht treffen wir uns ja mal zwischen Aplerbeck und Schnettkerbrücke. Ich bin der mit dem silbernen Golf 2.

Eine Erinnerung von Max.Neuland

1 Kommentar

  1. 2 m

    Omma! Natürlich Omma mit 2 m!!!
    Dieser Text ist wirklich richtig super, den lese ich gern ein zweites Mal!!!

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