Ruhrplatt ist eigentlich eine Weltsprache

1956 - 1967

In der Gegend, in der ich aufwuchs, einem traditionellen Stahlarbeiterviertel, sprachen die Menschen in der Regel Ruhrdeutsch. Wir Kinder übernahmen diese Sprache. Es wurde nicht gesagt: „Warum machst du das Fenster auf ?“ Nein, es hieß: „Warum tu`sse dat Fenster aufmachen?“

Da unsere Eltern trotz mancher Bemühungen es nicht geschafft hatten, uns als zweite Sprache ein gutes Hochdeutsch beizubringen, gingen unsere Lehrerinnen und Lehrer mit großem Eifer daran, dieses Ziel doch noch zu erreichen. Deshalb reichte es ihnen auch nicht, wenn wir im Aufsatz schrieben: „Warum machst du das Fenster auf?“ Nein, wir hatten zu formulieren: „Warum öffnest du das Fenster?“ Ein Frage mit „Warum tu`sse“ im Unterricht ausgesprochen, kreuzten sie uns als mangelnde Ausdrucksfähigkeit dick rot an. Die Umschreibung mit „tu“ entstammt dem Niederdeutschen, von uns Plattdeutsch genannt, und zählte nach der Auffassung unserer Lehrerinnen und Lehrer zur niederen und nicht zur Hochsprache.

Ich genoss also eine gute Bildung, die mich befähigte, eine weiterführende Schule zu besuchen. Hier lernte ich nach Hochdeutsch als zweite Fremdsprache Englisch; die Weltsprache, wie man uns lehrte. Nun hatte ich mir mit allen Hindernissen ein gutes Hochdeutsch angeeignet. Genauso wollte ich mir ein gutes Englich aneignen. „Warum öffnest du das Fenster?“, übersetzte ich in einer Englischarbeit mit folgendem Satz: „Why open you the window?“ Unser Lehrer markierte diesen mit einem dicken roten Wellenstrich und schrieb dazu die Bemerkung: Grober Satzbaufehler! Nun bläute er mir ein: „Eine Frage wird im Englischen immer mit to do gebildet!“ – Hier sei kurz angemerkt, dass „to do“ ins Deutsche übersetzt „tun“ bedeutet. – Der Satz „Warum öffnest du das Fenster?“, lautet also im korrekten Englisch: „Why do you open the window?“ Wird dieser korrekte englische Satz wörtlich ins Deutsche übersetzt, heißt er wie folgt: „Warum tust du das Fenster öffnen?“

So musste ich erst Englisch lernen, um zu begreifen, dass Ruhrplatt eigentlich eine Weltsprache ist!

Eine Erinnerung von Heinz Rittermeier

1 Kommentar

  1. Present continuous

    Ende der 1960er Jahre wurde ich in die Quarta (heute: siebte Klasse) einer Höheren Lehranstalt versetzt und lernte von da an Englisch als zweite Fremdsprache. Der Englischlehrer, ein älterer Mann, der Spaß und Freude im Unterricht für fehl am Platze hielt und Drangsalieren dem Motivieren vorzog, bläute uns bald die Verlaufsform ein – „I am reading“ – und ließ sie „Ich lese gerade“ übersetzen. Dabei bietet das Ruhrdeutsch gerade hier zur Übersetzung sehr geeignete Möglichkeiten:
    I am reading: ich bin am lesen
    I am walking: ich bin am laufen
    I am working: ich bin am … na gut – am malochen

    Noch ein Beispiel zur Rechtschreibung: Vor einigen Jahren feierte die kleine Tochter meiner damaligen Nachbarn ihren Geburtstag und hatte zur Begrüßung ihrer Gäste ein Schild an der Wohnungstür angebracht:
    „Herzlich Willkommen in der Spielferbrik.“
    Ich habe erst später begriffen, dass das richtig ist, wenn man nach der Phonetik schreibt:
    Va-ein –> Verein
    Mala-aabeiten –> Malerarbeiten

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