„Im Ruhrgebiet“

1958, 1970er Jahre, 2014

Der Erinnerungsort, über den ich schreibe, ist kein geografischer Ort und auf der Karte nicht festzulegen. Mein Erinnerungs“ort“ ist ein Buch, eines zumal, das ich nie wirklich in Händen gehalten habe. Zu der Zeit, 1957, als meine Mutter mich im Kinderwagen durch den Essener Stadtgarten fuhr, fuhren der Kölner Schriftsteller und spätere (1972) Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und der Kölner Fotograf Chargesheimer durch das Ruhrgebiet; Chargesheimer fotografierte und Böll schrieb einen einführenden Essay zu dem Buch, das 1958 im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien (1).

Zunächst machte ich, in den 70er Jahren, Bekanntschaft mit Bölls Text:
Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden; die Provinz, die diesen Namen trägt, weil man keinen anderen für sie fand, ist weder in ihren Grenzen noch in ihrer Gestalt genau zu bestimmen; das Wort Ruhr hat sowohl mythischen Beiklang wie den Unterton begrifflicher Sprödigkeit. […]
Da unten, da oben, da im Westen – sagen die Deutschen – da riecht es nach Ruß und Geld […] und es riecht nach Macht. […]
Aber es riecht dort vor allem nach Menschen, nach Jugend, Barbarei und Unverdorbenheit […]“ (2)

Seine Beschreibung zeichnete in Bild, was ich später in etwa selbst von Revier hatte; ich war von dem Text sehr angetan (3). Wenn ich z. B. aus dem Urlaub zurückkam, habe ich auch die Luftveränderung wahrgenommen, wie ein junges Paar, das aus dem Campingurlaub an der Côte d’Azur zurück kommt:
Nicht weit hinter Duisburg, kurz vor Oberhausen, an einer Stelle, wo die Silhouette großer Industriewerke schon zu sehen ist, […] Mitten auf der Brücke, den Vorschriften zuwider, hält ein kleines Auto […] Dem Auto entsteigt eine junge Frau; […] hebt dann schnuppernd den Kopf in die Luft, […] geht zum Auto zurück […].
‚Was war denn los?‘ fragt der Mann am Steuer […]
‚Nichts war los. Ich wollte nur sehen, wollte riechen, ob wir wirklich zuhause sind.‘

‚Warum gerade hier?‘
‚Weil es hier anfängt‘, sagt die junge Frau, ‚hier fängt der Lichtwechsel an, hier schmeckt die Luft bitter,werden die Häuser dunkel, und hier sprechen die Leute so wie ich spreche.‘“ (4)

Chargesheimers Fotos – allesamt sehr eindrucksvolle Bilder eines vergangenen Ruhrgebiets: Industrieanlagen vor dem Strukturwandel, Arbeitswelt mit, wie man hier sagt, Knochenmaloche, zerstörte Landschaft, Stadtansichten und Menschen in den 50er Jahren – zeigte dann 2014 eine groß angelegte Ausstellung im Ruhrmuseum. (Ich wüsste keinen besseren Ort diese Fotos auszustellen.) Eine Auswahl der Fotos ist heute online zugreifbar, z.B. auf der Website des Pixelprojekt Ruhrgebiet.

Es gibt dieses […]land: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.„, schrieb Heinrich Böll an anderer Stelle (5).  In der 70er Jahren suchte ich dieses Ruhrgebiet. Die Industrielandschaft zeigte sich mir noch, als ich selber Zechen und Werkssiedlungen fotografierte (die S/W-Negative harren der Digitalisierung). Heute dürfte es bis auf Ausnahmen verschwunden sein.

Die Abbildungen zu diesem Beitrag zeigen das Titelbild und die Rückseite des Essener Ausstellungskatalogs (6).

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(1) Heinrich Böll / Chargesheimer: Im Ruhrgebiet, Köln / Berlin 1958
(2) Heinrich Böll, „Im Ruhrgebiet“ in: ders.: Werke, Kölner Ausgabe Bd. 10, S. 361 ff, Köln 2005
(3) Bei seinem Erscheinen fand der Text weniger Zustimmung, etwa beim damaligen Essener Oberbürgermeister Nieswand, der zürnte: „Die Ruhrgebietsstädte, und dies gilt auch für die Stadt Essen, sind es gründlich leid, von Außenseitern in einer Weise dargestellt zu werden, die nicht einmal mit der Realität der Gründerjahre übereinstimmt, geschweige denn mit der Gegenwart. Wir haben nicht die Absicht, derartige Veröffentlichungen unwidersprochen zu akzeptieren, besonders nicht, wenn wir glauben, leider eine deutliche Tendenz erkennen zu müssen…“ (Der Spiegel 4/1959, S. 57 ff)
(4) Böll, ebd.
(5) Heinrich Böll, „Irisches Tagebuch“, a. a. O., S. 191, Köln 2005
(6) Heinrich Theodor Grütter, Stefanie Grebe, Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets, Katalog zur Ausstellung, Köln 2014

Eine Erinnerung von Arne

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