Konsum Wohlfahrt

1902 bis heute

An der Ecke Königsallee/Wohlfahrtstraße steht in Bochum ein imposanter Gebäudekomplex, der mich schon seit meiner Kindheit in den 1950er Jahren begleitet und deshalb stets mein Interesse geweckt hat. Heute heißt er G DATA Campus Königsallee 178. Aber wer kennt noch die Geschichte des Areals? Dieser Gewerbepark war einst der Hauptsitz des Konsumvereins Wohlfahrt. Pionier der Konsumgenossenschaft und auch deren erster hauptamtlicher Geschäftsführer war der Bergarbeiter und spätere Schriftsteller Georg Breuker.

In seinem 1958 erschienenen Roman „Zwei Vettern“, den mir seine Tochter Lotti Volkenandt schenkte, beschreibt Georg Breuker seine politischen Erfahrungen und die Gründung und den Aufbau des Konsums Wohlfahrt.

Bei einem Bergarbeiterstreik vor dem Ersten Weltkrieg erlebt er die Demütigung und die Verhöhnung, die Kündigung der streikenden Bergarbeiter durch die geschlossene Front der Bergwerksbesitzer und demgegenüber die Uneinigkeit der Bergarbeiterschaft. Seine Erkenntnis: „Die Grubenbesitzer haben sich zu einem einzigen Zechenbesitzerverband zusammengeschlossen, der Bergmann aber kann sich vier Verbände leisten. Statt nun unsere Vorteile zu vertreten, bekämpfen sich diese Verbände bis aufs Messer.“ Georg Breuker wünscht die Einigkeit der Bergarbeiter. Bei seinen Überlegungen gewinnt die Genossenschaftsbewegung seine Aufmerksamkeit.

Genossenschaften waren Selbsthilfeorganisationen der Arbeiterbewegung. Durch den gebündelten Einkauf von Waren des täglichen Gebrauchs konnten sie mit den Herstellern und Großhändlern Mengenrabatte aushandeln und diese durch niedrige Preise in den Geschäften der Konsumgenossenschaften an ihre Mitglieder weitergeben.

In sie setzt Georg Breuker große Hoffnungen und verbindet sie mit seinen politischen Zielen. Er schreibt mit Blick auf diese Bewegung in England und Sachsen: „Alles, was die Mitglieder benötigten, wurde selbst hergestellt. Die vielen Fabriken brauchten schließlich Kohlen und kauften Bergwerke. Die Mitglieder arbeiteten damit in ihren eigenen Gruben. Es gab keine Kapitalisten mehr. Die Arbeiter der Zechen waren auch ihre Besitzer.“

Georg Breuker wirbt für die Idee und gründet 1902 mit weiteren Bergarbeitern den Konsumverein Wohlfahrt, in dem sozialdemokratische und christliche Gewerkschafter zusammenarbeiten.

Trotz aller Anfangsschwierigkeiten entwickelt sich der Konsumverein Wohlfahrt durch die engagierte Arbeit seiner Mitglieder sehr gut. Als vor dem Ersten Weltkrieg der Konsum wirklich Erfolg verspricht, kauft die Zeche Karl Friedrich das Haus, in dem dieser sein Ladenlokal angemietet hat, und kündigt das Mietverhältnis. Die Genossenschaft ist aber schon so erstarkt, dass sie 1912 in der Nähe ein eigenes Grundstück erwirbt und an der Ecke Königsalle/Wohlfahrtstraße nach den Plänen des Architekten Heinrich Schmiedeknecht von 1914 bis 1916 einen eigenen Gebäudekomplex mit Verwaltung und Ladenlokal, eigener Schlachterei, Bäckerei und sonstigen Produktionsstätten erbaut. Der Konsum Wohlfahrt expandiert und hat 1925 bereits 38.000 Mitglieder und 113 Vertriebsstellen.

Nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler und der NSDAP 1933 werden Andersdenkende verfolgt und vor allem die Organisationen und Parteien der Arbeiterbewegung verboten, der Konsum Wohlfahrt gleichgeschaltet. Aber es gibt auch mutigen Widerstand gegen den Faschismus. So bildet sich im Verwaltungsgebäude des Konsums Wohlfahrt ein bedeutendes Widerstandsnetz um die beiden Kommunisten Alfred Jurke und Karl Springer sowie engagierte Sozialdemokraten. Diese Widerstandsgruppe organisiert ihre Arbeit parteiübergreifend, hält Kontakte zu anderen Betrieben wie der benachbarten Zeche Prinz Regent und dem benachbarten Bergbauzulieferer Eickhoff.

Der Konsum Wohlfahrt übersteht das sogenannte „Dritte Reich“ und den Zweiten Weltkrieg. Er blüht noch einmal auf. Davon zeugen 47.500 Mitglieder im Jahr 1956 und 151 Vertriebsstellen. Stolz schreibt Georg Breuker in seinem Roman „Zwei Vettern“: „Hoch an der Front des Gebäudes leuchtet in Gold – und leuchtet heute noch – der Name Wohlfahrt.“ Aber die Fußnote zu diesem Satz vermerkt bereits kritisch: „Wie beim Druck dieses Buches festgestellt wurde, hat die zur Zeit maßgebende Verwaltung der Genossenschaft das von den Pionieren derselben als Ideal am Haus angebrachte Wohlfahrt bei einer Renovierung entfernen lassen.“ 1961 erlischt der Name Wohlfahrt endgültig durch Konkurs der Konsumgenossenschaft.

Der imposante Gebäudekomplex an der Königsallee 178 steht heute unter Denkmalschutz. 2014 wird er von der Bochumer G DATA Software AG erworben, die in Deutschland zu den bedeutenden Herstellern von Sicherheitssoftware gehört.

Eine Erinnerung von Heinz Rittermeier

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