Wo heute der Westpark ist

1876 bis heute

Ich wuchs auf in der Bessemerstraße im Bochumer Griesenbruch, dem Wohnbezirk der Stahlarbeiter des Bochumer Vereins, im Volksmund „Blaubuchsenviertel“ genannt. Die Bessemerstraße führte zur Alleestraße, an der das Werk „Gußstahl“ des Bochumer Vereins lag. Es wurde überragt von den mächtigen Hochöfen, die beim Abstich am Abend den Himmel rot erleuchteten.

Am 1. September 1967 begann ich hoffnungsvoll meine Lehre als Industriekaufmann beim Bochumer Verein, der jetzt Fried. Krupp Hüttenwerke AG hieß. Als Stahlarbeiterkind war ich froh, Angestellter zu werden. Ich musste nicht wie die Stahlarbeiter in Hitze, Staub und Lärm im Dreischichtbetrieb arbeiten. „Hauptsache keine Nachtschicht. Nachtschicht ist ein Mörder“, sagte mein Vater.

Im Dezember 1967 wurde ich im Lohnbüro Hochofenwerk des Bochumer Vereins eingesetzt. Mein Urgroßvater hatte hier schon am Hochofen gearbeitet. Aber in diesen Dezembertagen herrschte eine gedrückte Stimmung. Jeden Tag suchten Dutzende von Arbeitern das Lohnbüro auf, die einen anderen Arbeitsplatz in einem anderen Werksteil zugewiesen bekamen. Viele arbeiteten seit Jahrzehnten an den Hochöfen, waren gestandene Männer. Aber in diesen Tagen konnten sie die Tränen nicht unterdrücken. Am 31. Dezember 1967 wurde das Hochofenwerk, das seit 1876 bestand, endgültig stillgelegt. In den letzten dreißig Jahren hatte es noch den Zweiten Weltkrieg und die Demontage überstanden. War das jetzt der Anfang vom Ende der Stahlindustrie in Bochum?

In diesen Tagen kam ich nach Hause und mein Vater saß mit einer ganz, ganz schlechten Laune am Küchentisch. Er hatte sich zum Schichtenführer des Stahlwerks 4 im Werk Weitmar des Bochumer Vereins hochgearbeitet. Ich fragte ihn: „Was ist mit dir denn los?“ Er antwortete: „Mist! Ende März wird auch Stahlwerk 4 stillgelegt.“ Unsere Familie war nun selbst von einer Stilllegeng betroffen.

Große Wut stieg in mir auf. Ich bekam von einem zum anderen Tag eine stark linksgerichtete politische Einstellung, ohne überhaupt einen Satz von Karl Marx gelesen zu haben. Ich wollte die Welt verändern! Verändern in eine friedliche Welt mit sozialer Sicherheit, Gerechtigkeit, ohne Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Deshalb engagierte ich mich in der Gewerkschaft, wurde zum Vertrauensmann der IG Metall und in die Vertrauenskörperleitung gewählt. Das war der Beginn meiner gewerkschaftlichen Laufbahn.

Mitte der 1980er Jahre arbeitete ich beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Leer/Ostfriesland. Ich besuchte mit meiner Familie meine Eltern in Bochum. Mit meinem Vater ging ich über die Bessemerstraße zur Alleestraße. Nicht nur das Hochofenwerk war jetzt im Werk „Gußstahl“ des Bochumer Vereins stillgelegt, sondern auch das Siemens-Martin-Stahlwerk 1, das Elektrostahlwerk, die große Freiformschmiede mit ihren verschiedenen Bearbeitungsbetrieben und die weltbekannte Gussstahlglockengießerei. Nur das Radreifenwalzwerk produzierte noch, das heute als Bochumer Verein Verkehrstechnik GmbH einem chinesischen Investor gehört. Ich blieb betroffen stehen. Als ich die Lehre begann, arbeiteten noch 18.000 Menschen beim Bochumer Verein. Ich glaube, ein Auge von mir zeigte Wut und das andere Traurigkeit. Mein Vater sah mich an und sagte: „Junge, du darfst nicht hinschauen und schon gar nicht darüber nachdenken.“

1989 zogen wir von Leer nach Bochum zurück. In diesem Jahr begann die für zehn Jahre angelegte Internationale Bauausstellung Emscher Park, in deren Rahmen das Werk „Gußstahl“ des Bochumer Vereins für die Naherholung in den Westpark umgewandelt wurde. Die offizielle Eröffnung fand 1999 statt. Ich ging zur Eröffnung und traf ehemalige Kolleginnen und Kollegen. Wir waren froh, dass das Areal sinnvoll umgestaltet worden war. Aber wir erinnerten uns auch etwas wehmütig an die alten Zeiten beim Bochumer Verein. Erhalten von dessen ehemaligen Bauwerken sind im Westpark die Gaskraftzentrale des Hochofenwerks mit Pumpenhaus und Wasserturm, die sich gemeinsam als Jahrhunderthalle zum angesagten Kultur- und Veranstaltungszentrum entwickelten, und die markante Stützmauer, die heute Colosseum genannt wird. Sie erinnern noch an den Bochumer Verein, der mit seinen fast 20.000 von harter Maloche geprägten Arbeitsplätzen in den Hochofen-, Stahl-, Schmiede- und Walzwerken sowie Gießereien die Entwicklung von Bochum zur großen Industriestadt erheblich antrieb.

Das Bild oben zeigt den Blick von der Gahlenschen Straße auf die Hochöfen des Bochumer Vereins um 1962. Hier befindet sich heute die Zufahrt zur Jahrhunderthalle. Es stammt von Manfred Kopka, lizensiert unter Creative-Commons.

 

Eine Erinnerung von Heinz Rittermeier

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