Villa Hügel und Krupp-Familienfriedhof

1967 bis heute

„Jedem, der Villa Hügel zum ersten Mal betritt, drängt sich der Gedanke auf, daß dieses einmalige und unvergleichbare Haus ein Kunstwerk in sich selbst sei und Ausdruck einer bedeutenden Epoche in der Geschichte von Essen und mehr als ein Denkmal eines unvergessenen Zeitalters“, so schreibt die Westdeutsche Allgemeine Zeitung in einem Sonderdruck vom Mai 1953 anlässlich der ersten Kunstausstellung im ehemaligen Wohnsitz der Unternehmerfamilie Krupp in Essen-Bredeney.

1953 war mein Interesse an Kunstausstellungen noch nicht sehr ausgeprägt, aber in späteren Jahren zog es mich immer wieder auf die Ruhrhöhen über dem Baldeneysee.

1984 wurde durch Prof. Dr. h.c. mult. Berthold Beitz, bis zu seinem Tod 2013 Vorsitzender der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die Kulturstiftung Ruhr mit der Aufgabe gegründet, dem kulturellen Leben im Ruhrgebiet neue Impulse zu geben und ihm Maßstäbe und Ziele zu setzen. Nach dem Willen des Stifters „soll seine Gründung das Ruhrgebiet wieder enger mit den internationalen geistigen Kraftfeldern verbinden, erneut seine Tradition als bedeutende Kulturlandschaft bestätigen, ihm eine herausragende Position in der Bundesrepublik Deutschland gewinnen und damit jene Resignation zu überwinden helfen, die das geistige Leben in den Industriegroßstädten zu lähmen beginnt“.
Für ihre großen, internationalen Ausstellungen wählte die Kulturstiftung Ruhr kunst- und kulturhistorische Themen: Kultgegenstände aus Indien, Nepal und Tibet, Zeugnisse längst vergangener Hochkulturen aus Mexiko, Japan oder Korea, Kostbarkeiten aus der Zeit der Pharaonen aber auch Werke von Canaletto, Bilder der Künstlerfamilie Breughel, Schätze des Barock aus Dresden, Kunst und Kultur vom Prager Hof Rudolfs II., flämische Stillleben und Landschaftsmalerei.

Mein besonderes Interesse fand 2006 die Aussssstellung „Tibet – Klöster öffnen ihre Schatzkammern“. Sie präsentierte bis zu 1500 Jahre alte religiöse Kunstwerke aus den Schatzkammern tibetischer Klöster sowie aus Palästen und Museen. Diese Kostbarkeiten haben größtenteils das „Dach der Welt“ noch nie zuvor verlassen. Rund 150 Exponate – Skulpturen, Rollbilder, vielgestaltige Mandalas, Ritualgegenstände und Tempeldekor – machen die stilistische Vielfalt der Kunst in Tibet erfahrbar. Sie wurden zwischen dem 5. und dem frühen 20. Jahrhundert von meist anonym gebliebenen Künstlern nicht nur im Land selbst geschaffen, sondern haben ihren Ursprung zum Teil auch in Indien, Nepal, Burma, Kaschmir und China – Regionen, zu denen Tibet rege Beziehungen unterhielt.
Mit ihren 269 Räumen und 8100 m2 Wohn- und Nutzfläche, umgeben von einem 28 ha großen Park, ist die Villa Hügel wohl das größte „Einfamilienhaus“ Deutschlands.

In den Jahren 1870 bis 1873 von Alfred Krupp (1812-1887) erbaut, sollte die Villa Wohnhaus und Refugium für sich und die Familie sein. Als 14-Jähriger hatte er beim Tod seines Vaters Friedrich Krupp (1787-1826) erste Verantwortung in der Firma Fried. Krupp übernommen und diese zu einem der bedeutendsten Industrieunternehmen des 19. Jahrhunderts ausgebaut.
Von 1873 bis 1945 bewohnten vier Generationen Krupp”den Hügel”.
Die Villa bot auch den würdigen Rahmen für Repräsentation, Empfänge und Festlichkeiten. Kaiser und Könige, Unternehmer aus aller Welt, Politiker und Regierungschefs vieler Nationen waren hier zu Gast.

Als Alfred Krupp 1848 Alleininhaber der Gussstahlfabrik wurde, wohnte die Familie noch in einem kleinen Fachwerkhäuschen auf dem Werksgelände, das ursprünglich für die Aufseher der Firma errichtet worden war. 1961 wiederaufgebaut, erinnert es bis heute an die bescheidenen Anfänge des Unternehmens.
Große Familien haben auch im Tod das Bedürfnis nach adäquater Repräsentation. Der ursprüngliche Friedhof für die Krupps lag zwischen dem Hauptbahnhof und den heutigen Evonik-Hochhäusern und musste in den frühen 1960er Jahren dem Bau der Autobahn A 40 weichen. Die Familie von Bohlen und Halbach erwarb ein Areal auf dem Friedhof Bredeney, und bettete die Krupp-Toten und ihre Grabmäler dorthin um. Fünf Generationen Krupp sind hier nun bestattet. Die Grabmale von Alfred und von Friedrich Alfred Krupp stammen mit Sarkophagen aus schwarzem Marmor und großen Bronzeplastiken vom Münchener Bildhauer Otto Lang. Die Grabmale von Gustav und Bertha sowie von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach hat der Essener Steinmetz Aloys Kalenborn aus schwarzem schwedischem Granit bzw. hellem italienischem Marmor geschaffen. Kalenborn entwarf auch die gesamte Grabanlage.

Eine Erinnerung von Norbert Hugo Wagner

1 Kommentar

  1. Wie alle Deine bisherigen Beiträge interessant und sehr gut bebildert.

    Die Villa gefiel mir nie und ist für mich kein Erinnerungsort. Den Friedhof fand ich auch beeindruckend. Ich weiß keinen Ruhrbaron, der sich ein ähnlich gewaltiges Denkmal gesetzt hätte. (Ich weiß aber auch keine Familie, die so mächtig und für das Revier so prägend war wie Krupp.)

    Ich habe eine oder zwei der dortigen Ausstellungen (u.a. Breughel) gesehen. Wäre es übertrieben, einen Bogen zu spannen von der Villa Hügel als Ausstellungsort zum Museum Folkwang, dessen Bau die Krupp-Stiftung bezahlt hat? Von der abweisenden wilhelminischen Architektur zu der schönen Baukunst David Chipperfields? Vor der (Geld-) aristokratischen Villa zum demokratischen Museumsgebäude?

    Die Villa ist eigentlich ein Schloss, sie hat durchaus die Größe kleinerer Loire-Schlösser. Gäbe es wohl heute den Baldeneysee, wenn Krupp sein „Schloss“ auf einer Brücke über die Ruhr errichtet hätte, ähnlich wie das Loireschloss Chenonceau (1)?

    ——–
    (1) https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Chenonceau, in der Nähe der Mülheimer Partnerstadt Tours.
    Auf dem Luftbild erkennt man die Lage über dem Fluss Cher: https://commons.wikimedia.org/wiki/Ch%C3%A2teau_de_Chenonceau?uselang=de#/media/File:Chenonceau_castle,_aerial_view.jpg

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