Volksschule Humboldtstraße

Zu meiner Erinnerung an die Humboldtschule gehört auch der Schulbesuch und natürlich die fehlenden Bilder.

 

Das erste Schuljahr. Sonnenschein zu Ostern, Zweierreihen auf dem Schulhof, die Lehrerin Frau D. Alle Kinder sind da mit Schultüten. Die Schultüte, in der Spitze mit Papierknüddeln ausgestopft, von einem älteren Geschwister übernommen, ist ein schlechter Tausch gegen spielfreie Nachmittage. Es kommen Hausaufgaben, das Quietschen der Griffel auf den Schiefertafeln. Schwämmchen und Tagellappen liegen immer bereit, eine Syssiphusarbeit: Ist die Tafel voll geschrieben, wird sie aushgewischt. Es werden Katzenschwänze und Spazierstöcke geübt, und dann wird aus einem Dach ein richtiger Buchstabe. Nach einigen Monaten kann ich die Abenteuer von Mecki selbst lesen. Und die kurzen Artikel der Tageszeitung. Schließlich kann ich sogar bis 100 zählen. Reicht das nicht eigentlich?
Nach der Schule begleite ich andere Kinder nach Hause. Zu Hause ist meist niemand und ich bin nicht vertrauenswürdig: Ich habe keinen Schlüssel. Am liebsten gehe ich mit, wo zu Hauise eine Spielzeugeisenbahn wartet. Spät komme ich nach Hause, späat genug, um nicht vor verschlossenen Türen zu stehen. Mit den Kamaraden habe ich Hausaufgaben gemacht. Nun muß ich selbst noch an die eigenen denken und einen Platz suchen, wo ich sie machen kann. Ich möchte mich nicht schämen müssen wegen nicht gemachter Aufgaben.
Frau D. Trägt gerne türkise Strickjacken. Sie ist eine kleine Frau, sie liebt Blumen und Musik. Sie dirigiert. Ob ein Kind das Gefuchtel mit den Armen verstehen kann? Wir üben Martinslieder und Adbentslieder. Am liebsten aber läßt sie Kanons singen. Auch das „Noch einmal!“ singt sie mehr als daß sie es spricht. Sankt Martin, der Zug, die Papierfackel, von Regen bedroht und die Kerze vom Wind. Das war vor der Einführung der Elektrizität in die Lampions. Die großen Mädchen aus dem achten Schuljahr helfen den Kleinen, die Kerzen ihrer Fackeln anzuzünden. Die großen Jungen begleiten Sankt Martin mit einer Pechfackel. Ei-nes ages bin ich auch im achten Schuljahr und trage eine Fackel. Frau D. hat eine Blumenvase mit immer frischen Blumen auf dem Pult. Es ist fast eine Zeremonie, wenn sie frische Blumen und frisches Wasser in die Vase gibt. In der Adventszeit zündet sie auch eine Kerze an. Der Unterricht beginnt mit einem Gebet. Täglich.
Frau D. erzählt von ihrer Heimat Danzig. Der Russe hat sie genommen. Sie hat einen Sohn, den Peter. Von dessen Vater erzählt sie nichts. Sie erzählt von den schkönen sommern in der Danziger Bucht. Vom Baden am Meer vor der Haustüre. Vom Winter, in dem es zufriert, und sie erklärt, wie man ins Eis gebrochene Menschen mit einer Leiter retten muß. Sie erzählt von der Flucht mit ihrem Sohn, von einem komischen Deutschland, das man nach Fahrten durch ein fremdes Land erreicht. Das ist merkwürdig und interessant wie die Geschichte vom Geigespieler, der sich durch sein Spiel vor den Wölfen rettet. Sie kommt jeden Tag mit der Straßenbahn. Dienstags und Freitags kommt sie auch morgens um sieben in die Schulmesse.
Der Osterhase bringt das erste Zeugnis. Es gibt richtige Noten. Es geht um die Versetzung oder Nichtversetzung. Alles wird in einem Notenheft festgehalten. Dann beginnt das Rechnen. Das Rechnen mit Klätzchen verstehe ich nicht. Wozu gibt es Zahlen? Plus und Minus gibt es nicht. Es heiß „und“ und „weniger“. Textaufgaben sind normal und keine eigene Kategorie. Ich mag Geschichten, ich mag Textaufgaben: da muß ich nicht so viel rechnen wie bei diesen endlosen Rechenpäckchen. Es gibt Diktate. Nach der Tafel kommt zuerst das Hedt mit dem Bleistift und dann der Füller. Ein Kaweco-Kolbenfüller mit Pfannenfeder. Den gibt es heute nicht mehr. In der Aula führt ein Mann seine Greifvögel vor, ein anderer zeigt seine Töpferscheibe. Sankt Martin kommt und nach dem Zug gibt es einen Stutenkerl. Der Nikolaus schreibt einen Brief mit gelber Kreide in alter deutscher Schreibschrift auf die Tafel. Frau D. Bereitet mit ihrer Blockflöte das Krippenspiel zu Weihnachten vor.
Die biblische Geschichte komm aus einer kleinen katholischen Schulbibel. Sie ist mit modernen bildern illustriert. Die sind weniger schön als die Bilder der alten Ausgaben. Aber modern. Es hint Beichtunterricht und machmitttags in einem Nebenraum der Kirche Kommunionsunterricht. Es gibt eine Hafenrudfahrt und Filme, die in die Kreisbildstelle zurückgekommen sind. Über den Nestbau der Schwalben, den Sinn des Sparens und über ein neues Fahrrad. Ich habe nicht einmal ein altes. Es gibt ein Gedicht über Schafe und einen Hirten. Manchmal weiden sie unter der Seilbahn, die Bergwerk, Kokerei und Hütte verbindet. Und natürlich am Rhein. Sankt Martin kommt noch einmal, die Feuerwehrkapelle spielt, die großen Jungen halten die Pechfackeln. Meine Perspektive: eines Tages auch ich. Traumberuf: Schaufensterdekorateur. Bald gibt es noch ein Zeugnis.
Das beste an der Schule sind die Sommerferien. Könnten sie nicht länger sein? Trotzdem ist es peinlich, wenn die Kinder nach den Ferien gefragt werden. Nicht alle können verreisen. Auch das Schullandheim ist nicht für alle. Es gibt eine Wanderung vom Grab des Heiligen Ludher in Essen Werden durch das Rombachtal zum Flughafen Mülheim. Ein Bus bringt und holt die Klasse. Sankt Martin kommt noch einmal und die selbst gebastelten Fackeln werden ausgezeichnet. Dann komme ich in die Klasse von Frau P.
Frau P. Trägt eine starke Brille, legt Wert auf eine gewisse Eleganz und eine Einkaufstasche mit ringförmigen Henkeln. Sie erklärt den Werfall, den Wesfall, den Wemfall und den Wenfall. Ich lerne Tuwörter von Dingwörtern und Wiewörtern zu unterscheiden. Ich lerne das schriftlicheTeilen durch zweistellige Zahlen. Vereinzelt auch durch dreistellige Zahlen. Die „Welt der Zahl“ enthält keine unlösbare Aufgabe. Wir üben Diktate und als neue Faächer kommen Kunst, Heimatkunde und Schänschreiben hinzu. Frau P. Erzkählt vom Niederrhein, den Tabakfeldern an der Niers, von den flachen Weinbergen bei Bordeaux und vom selbssüchtigen Riesen von Oscar Wilde. Snkt Martin scheint ihr nicht ganz so wichtig zu sein wie Frau D. Immerhin kann ich noch einmal zu den Fackelträgern aufsehen.
Und dann kommt das unglück: Ich werde zur Aufnahmeprüfung zum gymnasium geschickt. Das bedeutet schließlich aus für den Fraumberuf, aus für die Aussicht auf das Tragen der Martinsfackel. Das Gymnasium veranstaltet keinen Martinszug. Es gibt auch keine Schultüte. Trotzdem bin ich meinen Lehrerinnen Frau P. und Frau D. sehr dankbar. Von ihnen habe ich Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Sie haben mit die Schlüssel zu allem Weiteren gegeben.

Eine Erinnerung von M. Andres

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