Das ver- und wieder entriegelte Folkwang-Gebäude in Hagen

1902 bis heute

Ein Foto aus der Mitte der 1970er Jahre zeigt das damalige Karl Ernst Osthaus Museum in Hagen an der Hochstraße 73 – das heutige Osthaus Museum Hagen mit der Anschrift Museumsplatz 1. An den historischen Altbau schließt sich links ein Neubau in Sichtbeton an, der 1974 realisierte Erweiterungsbau des Folkwang-Altbaus. In der Fassade zur Straße lässt sich ein Säulenportikus mit dahinterliegendem Portal erkennen. Allerdings ist ebenfalls erkennbar, dass dieses Portal nicht zu erreichen ist: ein massiver Riegel verhindert den Aufstieg zu dem Eingang in das historische Folkwang-Gebäude. Fünf kräftige Poller am Rand des Bürgersteigs zur Straße verstärken diesen Eindruck.

Als Karl Ernst Osthaus (1874-1921) sein Folkwang-Museum in Hagen im Sommer 1902 eröffnete, konnte das Publikum über eine elegante Freitreppe die Eingangshalle des Museums betreten und dort die reichhaltige Sammlung bewundern. Das Folkwang erlangte schon bald den Ruf als das bedeutendste Museum für zeitgenössische Kunst. Und nicht nur das – das Folkwang war ein Weltkunstmuseum, mit Präsentationen europäischer Kunst vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, mit ägyptischer, griechischer und römischer Antike und einer beispielhaften Auswahl orientalischen, afrikanischen, asiatischen und ozeanischen Kunstschaffens.

Karl Ernst Osthaus starb jedoch bereits 1921 an den Folgen einer schwerwiegenden Erkrankung. Testamentarisch hatte er den Zusammenhalt seiner Sammlung verfügt, und seine Erben boten diese neben Hagen auch anderen Städten an. Das Rennen machte der neu gegründete Folkwang-Museumsverein in Essen, eine Initiative kunstaffiner, wohlhabender Bürger. Der Verein erwarb 1922 die Folkwang-Sammlung für Essen und integrierte sie in das 1906 gegründete Städtische Kunstmuseum, das ab diesem Zeitpunkt in Museum Folkwang umbenannt wurde. Bis heute hält sich in Hagen und darüber hinaus die Überzeugung, die Stadt Hagen habe die Folkwang-Sammlung verkauft, eine den historischen Tatsachen widersprechende Überlieferung, die kaum aus der kollektiven Erinnerung zu tilgen ist.

In Hagen verblieb als materielles Erbe das leergezogene Folkwang-Museumsgebäude. An Stelle der Kunst zog die Bürokratie ein: das einzigartige Baukunstwerk wurde zum Verwaltungssitz des städtischen Energieversorgers „Elektromark“ umgewidmet, Vitrinen und Bilderleisten entfernt, stattdessen Büros, Sitzungsräume und Registraturen eingerichtet. Als Relikt aus der Folkwang-Ära verblieben im ehemaligen Museumsgebäude wie ein Fremdkörper Wohnung und Atelier des Hagener Künstlers Christian Rohlfs, da dem Maler ein lebenslanges Wohnrecht zustand.

In Hagen wurde das städtische Kunstmuseum im Herbst 1945 unter dem Namen „Karl Ernst Osthaus Museum“ wieder eröffnet und zog 1995 in das historische Folkwang-Gebäude zurück. Damit war das Ziel erreicht, „dem genius loci zu huldigen“.

Die Sammlungs-Erweiterungen führten Anfang der 1970er Jahre zu einem Erweiterungsbau. Der Denkmalschutz für das historische Museumsgebäude bestand noch nicht. Daher wurde das rückwärtige Drittel des Folkwang-Gebäudes abgerissen, zugunsten eines Anbaus in Sichtbeton-Optik, den der damalige Stadtbaurat Herbert Böhme als Poesie in Beton bezeichnete. Aus diesem Beton wurde auch der Riegel gegossen, der die alte Freitreppe ersetzte. Deren Entfernung war notwendig geworden, um eine Verbeiterung der Straße zu erreichen, damit die Buslinie die Hochstraße ungehindert passieren konnte.

Wie ein symbolischer Akt der „Wiedergutmachung“ wirkte im Jahr 2006, im Zusammenhang mit der Erweiterung des Osthaus Museums und der Vereinigung mit dem neuen Emil Schumacher Museum unter einem Dach im Kunstquartier, der Abriss des massiven Betonriegels vor dem alten Folkwang-Portal, der den Zugang in den historischen Museumstrakt verbarrikadiert hatte. Stattdessen wurde die Freitreppe wieder angelegt, die zwei Jahrzehnte lang, von 1902 bis 1922, ins Folkwang-Museum geführt hatte.

Eine Erinnerung von Birgit Schulte

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Hochstraße 73
58095 Hagen
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