Wiege der Ruhrindustrie – die Stadt Oberhausen

1969 - 2016

Die Stadt Oberhausen ist mir im Ruhrgebiet der beste Ort der Erinnerung. Zu viele kleine und große Dinge sind aber mit ihr verbunden, als dass ich mich auf ein bestimmtes festlegen wollte. Fuhr ich als Kind mit meinen Großeltern nach Duisburg, um dort in den Interzonenzug Richtung DDR umzusteigen, war Oberhausen Hauptbahnhof der spannendste Halt für mich. Wie es da lärmte, wie es da roch! Güterzüge voller Kohle, voller Stahl und Erz und Eisen sah ich und Arbeiter mit gelben und blauen Helmen, die auf fahrenden Zügen standen – meine heimlichen Helden! Mit 15 hatte ich einen Freund in Oberhausen, der von seinem Vater bei Babcock in die Lehre als Elektriker gesteckt worden war oder, wie er es nannte, als „Kabelaffe“. Viel Zeit verbrachten wir beim Kaffee im „Bero-Center“, wo mal die Zeche Concordia gewesen war. Ein paar Leute in der „instandbesetzten“ Zechensiedlung Ripshorster Straße in Oberhausen-Osterfeld kannte ich und tauchte ein in die linke Szene der frühen Achtzigerjahre, der „friedensbewegten“ Zeit. 1981 lernte ich bei einem Wohltätigkeitskonzert das Friedensdorf Oberhausen und seine unübertroffene humanitäre Arbeit kennen: hier werden Kinder aus internationalen Kriegsgebieten untergebracht, gepflegt und geheilt. Im Jahr darauf begegnete mir die Oberhausener Sängerin Fasia Jansen, nach der man später eine Schule in der Stadt benannte, nach Fasia, die mit ihrer kraftvoll-mitreißenden Stimme die Malocher unterstützte, wenn sie für ihre Rechte auf die Straße gingen – was für eine Persönlichkeit!

Mit 25 begann ich, am Oberhausen-Kolleg (heute „Niederrhein-Kolleg“) mein Abitur nachzuholen. Ich lebte im Wohnheim des Kollegs am Städtedreieck Oberhausen – Essen – Mülheim auf der Wehrstraße. Die Gutehoffnungshütte wurde damals aufgelöst und des „CentrO“ zu bauen begonnen. Ich verbrachte zwischen 1991 und 1995 viel Zeit im Theater Oberhausen und in der geschäftlich noch gesunden Marktstraße, an deren äußerstem Ende sich der „Sahara-Grill“ befand, wo es für kleines Geld das beste Falafel gab. Abends ging es auch oft in die „Lichtburg“, das Kino im Zentrum Oberhausens und zum Zappeln hinterher in die Disco „Raskalnikow“, die „Turbinenhalle“ oder das Zentrum Altenberg.

Besonders gern denke ich an die ersten Ausstellungen im Gasometer: „Feuer und Flamme – 200 Jahre Ruhrgebiet“, „Ich Phönix!“ oder „Der Traum vom Sehen“. Nicht weniger aber an die kleinen Kunstwerke rund um die Knappenhalde, die wundervolle Burg Vondern bei der Zechensiedlung am Bahnhof Osterfeld Süd und die kaiserzeitliche „Verkaufsanstalt IV der Gutehoffnungshütte“. Immer wieder ins Auge fällt mir bis heute die gründerzeitliche Fassade der alten Kneipe „Bürgerkrug“, über deren Eingang die markigen Worte „Unsere Väter tranken noch eins“ zu lesen sind oder jene des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums mit ihrer imposanten Kunst am Bau.

Unerwähnt bleiben dürfen auch nicht die Siedlung Eisenheim, die wahrscheinlich älteste Arbeitersiedlung des Reviers, die – leider inzwischen nur noch rudimentär erhaltene – „Henkelmannbrücke“, über die in alter Zeit Frauen und Kinder liefen, um ihren Männern und Vätern, die für die Gutehoffnungshütte schufteten, die „Henkelmänner“ mit der Pausenverpflegung anzureichen und das Schloss Oberhausen am Kaisergarten mit seinen Ausstellungen. Kunst findet sich auch mitten in der Stadt – die wundervolle Belle-Epoque-Gestaltung des Hauses Elsa-Brändström-Str. 35, der sein Gefieder putzende Riesenvogel auf dem Brunnen vis-à-vis der Hauptwache der Polizei oder die Schuld-und-Sühne-Analogien am Oberhausener Gerichtsgebäude gegenüber.

Am Ende meiner Zeit am Kolleg zog ich mit Freunden als Wohngemeinschaft in ein altes Haus an der Autobahn auf der Ingridstraße in Oberhausen-Sterkrade, direkt neben der Ludwigs-Hütte. Sterkrade ist noch heute der schönste Stadtteil Oberhausens, aber 1995 war seine Zeche gerade noch instand, das schlichte Backsteingebäude des Bahnhofs besaß noch seine ursprüngliche Gestalt und Funktion und das Gesamtbild des Ortes war noch ganz und gar von der Ruhrindustrie geprägt. 2002 wurden am Sterkrader Bahnhof die vergessenen „Sterkrader Steine“ freigelegt, ein Schriftzug von 1935, der heute restauriert mitten im Herz des Orts zu bewundern ist. Obwohl ich zu dieser Zeit schon längst nach Wesel und von dort nach Duisburg gezogen war, zog es mich immer wieder nach Oberhausen, in den OLGA-Park, in die Ruhrauen an der Grenze zu Duisburg, zu den Trümmern des Ringlokschuppens am Hauptbahnhof, zum Botschafter der „Emscher-Kunst“, dem „Zauberlehrling“ in Osterfeld oder zum Kleinkunsttempel Ebertbad, wo ich 2016 mit meiner Frau den polternden „Schlagerversteher“ Wolfgang Trepper aus Rheinhausen erlebte.

Am 13.11.2015 sah ich in der KöPi-Arena Deep Purple – ein großartiges Konzert, aber noch auf der Fahrt nach Hause hörte ich, dass in der selben Zeit, als Deep Purple gespielt hatten, an diesem Abend das „Bataclan“ in Paris zum Schauplatz eines terroristischen Blutbads geworden war und so wurde diese Erinnerung an Oberhausen die einzige, die ein wenig getrübt bleibt, denn es hätte theoretisch auch jede andere Konzerthalle treffen können. Dennoch bleibt Oberhausen mein „Herzensort“ im Ruhrgebiet, die wahrscheinlich jüngste Stadt ihrer Größe im Revier und dennoch die „Wiege der Ruhrindustrie“, das sympathischste Stück Urbanität an der Schnittstelle von Westfalen und Niederrhein.

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Von zwei Ausstellungsplakaten abgesehen, sind alle Fotos, entstanden zwischen 1993 und 2016, von mir.

Das winzige rotgoldene Figürchen inmitten der grün angestrahlten Vitrinen ist die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, in der Gasometer-Ausstellung „Feuer und Flamme – 200 Jahre Ruhrgebiet“.

Eine Erinnerung von Jens E. Gelbhaar

2 Bewertungen

  1. Treffend beschrieben. Meine Heimatstadt 🙂

    >> die wahrscheinlich jüngste Stadt ihrer Größe im Revier und dennoch die „Wiege der Ruhrindustrie“, das sympathischste Stück Urbanität an der Schnittstelle von Westfalen und Niederrhein.<<
    Wie treffend beschrieben. Danke für Fotos, Erinnerungen und Worte.

  2. einfach so

    coole seite

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