Neustraße in Essen-Borbeck

1953 - 1956

Mein Vater war Ingenieur; 1953 hatte er eine Stelle bei Krupp bekommen. Deshalb zogen meine Eltern mit uns drei Kindern in eine neu gebaute Drei-Zimmer-Etagenwohnung in Essen-Borbeck. Jeden Morgen heizte meine Mutter den Kanonenofen mit Eierkohlen und Briketts aus dem Keller an. Auf dem Gasbadeofen prangte ein schwarz-weißer Hasenkopf mit breitem Schnurrbart und schaute mir beim Zähneputzen zu. Zum Haarewaschen schlug mein Vater ein Ei über meinem Kopf auf; später gab es stattdessen Ei-Shampoo aus kleinen durchsichtigen Plastikkissen.

Auf den Außenfensterbänken konnte man jeden Tag einen halben Zentimeter groben Industriestaub entfernen. Über das Wort „Feinstaub“ hätte man sich kaputt gelacht. Schräg gegenüber war die Zinkhütte zu sehen. Blauen Himmel habe ich in diesen drei Jahren niemals erlebt. Dafür aber ein stattliches altes Fachwerkhaus auf der anderen Straßenseite und das herrlich verwilderte Grundstück einer ehemaligen Ziegelei.

Im ringsum bebauten Hof der großen Wohnanlage spielte sich das Leben ab: Teppiche wurden geklopft; Kinder banden Katzen leere Konservendosen an den Schwanz; größere spielten Schabbeln mit der Vorderseite von Zigarettenschachteln (Eckstein, Juno, Overstolz, Gelbe Sorte); das kleine Nachbarmädchen schrie immer wieder lauthals „Frau Schmi-hidt“*, bis seine Mutter im Dachgeschoss endlich ein Fenster öffnete; oft kamen Scherenschleifer; und manchmal trat der Leierkastenmann mit Äffchen auf und sammelte dann die Groschen ein, die aus einigen Fenstern geworfen wurden.

Wir hatten ein Klavier, und schon dadurch war klar, dass wir die einzigen Bürgerkinder im ganzen Viertel waren. All meine 42 Mitschüler in der ersten Klasse der katholischen Volksschule für Knaben waren Arbeiterkinder, die meisten Väter wohl Bergarbeiter. Vom ersten auf den zweiten Schultag sollten wir ein dreistrophiges Marienlied („Maria breit den Mantel aus“) auswendig lernen. Auf der Straße sangen die Jungen: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Kaiser hat in Sack gehaun.“ Mir schien das irgendetwas Unanständiges zu bedeuten, und ich fragte nicht weiter. [Woher hätte ich wissen sollen, dass Arbeiter diesen Text 1918 nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. sangen?]

Manchmal schickte meine Mutter mich einkaufen. In dem kleinen Milchladen um die Ecke wurde die frische Milch von Hand aus einer großen silbernen in meine kleine rote Email-Kanne gezapft. Unterwegs kam ich an dem winzigen Stand vorbei, in dem schwarze Lakritzschnecken und rote Himbeerbonbons für Pfennige einzeln verkauft wurden. Aber ich bekam ja noch kein Taschengeld. Und ein Mal, ein einziges Mal, sollte ich gegenüber bei Teichmann „Camelia Damenbinden“ kaufen. Das hatte irgendetwas Geheimnisvolles. Meine Mutter weihte mich nicht ein, und ich traute mich nicht zu fragen.

In dieser Zeit bekreuzigte man sich oder kniete nieder, wenn ein Priester mit Barett auf dem Kopf und Kelch samt Hostie in der Hand über die Straße eilte, vielleicht zu einem Kranken oder Sterbenden. Ich hatte gehört, dass sogar ich einem Sterbenden die Nottaufe erteilen könnte, damit er in den Himmel komme.

1956 kam der schönste Tag meines Lebens, so beschrieben es jedenfalls die Erwachsenen. In Zweierreihen zogen sämtliche Jungen in blauen Anzügen (meiner stammte von Overbeck & Weller) wie uniformiert zur Erstkommunion in die Sankt-Dionysius-Kirche, alle Mädchen in weißen Spitzenkleidern hinterher. Mittags wurde zu Hause eine Eisbombe vorbeigebracht, und die Drogerie Wintgen schickte einen vierblättrigen Gummibaum als Geschenk. Tags drauf musste ich dann den schlimmsten Tag meines Lebens durchstehen: Bei jedem Schenker hatte ich mich in Schönschrift auf edlen weißen Karten artig zu bedanken. Dafür immerhin wartete im Keller ein nagelneues braunrotes Dreiviertel-Fahrrad von meinen Großeltern auf mich.

Gerd Ulitz, ein paar Jahre älter als ich, brachte mir das Fahrradfahren bei. Autos gab es ja noch fast gar nicht, jedenfalls nicht hier. Immer wieder fuhr ich um den kleinen Häuserblock. Wohlerzogen, wie ich war, rief ich bei jeder Rundfahrt der Frau Ulitz im Erdgeschossfenster ein freundliches „Guten Tag“ zu, zehn oder zwanzig Mal binnen weniger Minuten. Wer weiß, was sie sich dachte. Ulitzs kamen aus Schlesien und feierten ihre Weihnachtsbescherung nicht wie wir an Heiligabend, sondern stets am ersten Weihnachtstag um fünf Uhr früh. Sonderbar! Ich hatte Mitleid mit den beiden Ulitz-Jungen, konnte da aber auch nichts ausrichten.

Und einmal fuhr die Feuerwehr zu unserem Haus in der Neustraße – gleich mit drei riesigen Wagen. Oben im Dachgeschoss war jemand mit Zigarette im Bett eingeschlafen.

1956 zogen wir nach Bredeney, zehn Kilometer entfernt, in eine völlig andere Welt. Alle Verbindungen zu früher waren gekappt, ein neues Leben begann.

Erst vierzig Jahre später (1996) kam ich auf den Gedanken, die Neustraße wieder zu besuchen. Ein paar Hundert Meter entfernt spürte ich, dass es nicht weit weg sein konnte. Woran ich das gemerkt habe, weiß ich nicht. Alles war anders. Nur unsere Häuserblocks standen noch. Die alte Frau Ulitz schaute auf einem Kissen aus dem geöffneten Erdgeschossfenster. Warum nur bin ich nicht auf sie zugegangen, warum?

*Name(n) von der Redaktion geändert.

Eine Erinnerung von Ulrich Schmitz

1 Kommentar

  1. So war's wohl

    Eine sehr schöne Beschreibung in Worten, wie ich sie leider nur allzu selten finde. Die Darstellungen wirken sehr plastisch. Danke.

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Neustraße 
45355 Essen
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