Mein erster Streik – meine erste Demo. Für Mitbestimmung – gegen Alleinherrschaft.

1950

Erinnerung an meine erste Teilnahme an einer Demonstration

Nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren begann ich als vierzehnjähriger meine Ausbildung auf der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen-Rotthausen. Mit dem Eintritt in das Berufsleben wurden wir alle Mitglied der Bergarbeitergewerkschaft, die sich zu diesem Zeitpunkt „Industrieverband Bergbau“ nannte. Wenn die Bergleute von ihrem Verband sprachen, dann meinten die ihre Gewerkschaft. Welche Aufgaben die Gewerkschaft hatte, erfuhren wir erst nachdem wir schon Mitglied waren. Die Gewerkschaft kümmerte sich auch um ihre jungen Mitglieder und vertrat ihre Interessen. Bereits im Herbst 1948 berichtete unser Jugendobmann von einer Arbeitstagung der Gewerkschaftsjugend im Goldberghaus in Gelsenkirchen-Buer. Neben einer besseren Ausbildung wurde auch die Mitbestimmung bei Kohle und Stahl gefordert. Was eigentlich Mitbestimmung bedeutete erfuhr ich erst in den Gruppenabenden der Gewerkschaftsjugend. Die Unternehmensmitbestimmung war bereits in den entflochtenen Werken der Eisen- und Stahlindustrie schon 1947 eingeführt worden. Gefordert wurde aber ein Montan-Mitbestimmungsrecht bei Kohle und Stahl. Unsere Lehrgesellen, Meisterhauer und Ausbilder betonten immer wieder, alles muss erkämpft werden und man brauche im Kampf Ausdauer und Durchhaltevermögen. Die Jugend des Industrieverbandes Bergbau veranstaltete im September 1950 ihren ersten Verbandsjugendtag in Bochum. Alle Jugendlichen waren aufgerufen an der Abschlusskundgebung am 24. September 1950 in Bochum teilzunehmen. Mit dem Umsteigen fuhren wir mit der Straßenbahn eine Stunde nach Bochum. In der vollbesetzten Straßenbahn gab es viel Gedränge, schlechte Luft und wir konnten uns kaum bewegen. Unsere Transparente brachte ein Lastwagen zum Imbusch-Platz. Dort wurde der Festzug zusammengestellt. Auf den mitgeführten Transparenten war zu lesen: „Wir sind gegen jede Form von Arbeitsdienst“, „Die Jugend kämpft für Frieden und Freiheit“, „Für Mitbestimmung – gegen Alleinherrschaft“ und Forderungen zur besseren Ausbildung. Meine Kollegen und ich hatten das Gefühl der Geschlossenheit, denn 30000 junge Bergleute gaben ihren Forderungen Ausdruck. Auf dem Podium war der Bundespräsident Theodor Heuss zu sehen, der auch zu uns Teilnehmern sprach. Die Kommunisten versuchten die Abschlusskundgebung zu stören. In Sprechchören riefen sie: „Wir fordern Butter statt Kanonen, den Kriegsverbrecher soll der Teufel holen.“ Die Störenfriede konnten aber die Abschlusskundgebung nicht umfunktionieren. Auf dem im Demozug mitgeführten Wagen kamen alle Forderungen der Jugend zum Ausdruck. Wir hatten alle ein Gefühl der Solidarität und kamen schnell zu der Erkenntnis, in den Gruppen muss mehr über die Mitbestimmung aufgeklärt werden. Überall wurde über die Mitbestimmung referiert und diskutiert. Es machte uns auch ein bisschen stolz, dass tausende von jungen Bergleuten sich als Einheit verstanden und zur Verwirklichung ihrer Forderungen Druck machten. Es kam auch bei einigen Zweifel auf, ob es wirklich zur Mitbestimmung kommen würde. Gemeinsam waren wir jungen „Remonten“, wie uns oft die Alten nannten, davon überzeugt, dass nur ein einheitliches Auftreten und geschlossenes Handeln zum Erfolg führen kann. Der Kampfgeist in uns wurde gestärkt. Überall in Gesprächen und Diskussionen kam er zum Ausdruck. Es muss Schluss sein mit der Alleinherrschaft. Wir dürfen uns nicht unterdrücken lassen. Gemeinsam machten wir die Erfahrung, dass man für eine Sache nur kämpfen kann, wenn man auch selbst davon überzeugt ist. Als wir 1953 wegen Verkürzung der Schichtzeit um eine halbe Stunde in den Streik treten wollten, hatten unsere Kollegen vom Vorstand Erfolg. Die Arbeitszeit wurde verkürzt und der Streikbeschluss wurde aufgehoben. In einer Information an die Mitglieder rief der damalige 1. Vorsitzende der IG Bergbau, August Schmidt, dazu auf: „Wahrt weiterhin Disziplin! Folgt keinen verbandsfremden Parolen! Haltet aufrecht das Banner der gewerkschaftlichen Solidarität!“ Als nach der Einführung der qualifizierten Mitbestimmung Dr. Herman Reusch, Generaldirektor des Gutehoffnungshütte Aktienvereins und das Deutsche Industrieinstitut von Erpressung sprachen, mussten wir auf die Anliegen der streikenden Berg- und Hüttenarbeiter aufmerksam machen. Nach unserem Arbeitskampfrecht und dem Grundgesetz war und ist Streik als letztes Mittel zur Durchsetzung von Arbeitnehmerforderungen erlaubt. Eine wichtige Voraussetzung ist die vorausgegangene Urbestimmung. Vor jedem Streik wurden die bewussten Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter immer an den Text des Bundesliedes des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins 1863 gedichtet von Georg Herwegh erinnert: Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.

Eine Erinnerung von Horst Weckelmann

3 Bewertungen

  1. Organisationsgrad

    Sehr lebendige Beschreibung aus einer Zeit mit einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad, von dem man heute nur träumen kann.

  2. Rettet den Streik

    Wenn wir heute die fünf-Tage-Woche haben, oder sogar hier und da die 35-Stundenwoche, wenn der Papa samstags „mir“ gehört, und wenn der Arbeitnehmer nicht als Schlafgänger oder Werksmarionette endet, dann haben wir es den Gewerkschaften zu verdanken! Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten sich die Gewerkschaften langsam wieder auf. Ihre Gründer kamen aus der Kriegsgefangenschaft oder aus dem KZ. Sie hatten weder Telefon noch Schreibmaschine. Alle diese kleinen Nebensächlichkeiten mußten -oft mit viel Einfallsreichtum- und nicht immer ganz legal mühselig organisiert werden. Und doch kämpften sie schon gegen die Demontage der Stahlindustrie, den Morgenthauplan für Arbeit und Brot, und den Wiederaufbau, der es überhaupt erst ermöglichte, daß sich 12 Millionen traumatisiert Vertriebene integriert werden konnten. Das waren damals Funktionäre von ganzem Schrot und Korn, die nicht um irgendwelche dekadenten Gelder und Vergünstigungen kungelten. Die haben so etwas wie die „Neue Heimat“ oder auch die „Bank für Sozialwirtschaft“ gegründet und diese gewerkschaftseigenen Unternehmen mit den gleichen Methoden zugrunde gerichtet, wie wir das von ihren Gegenspielern kennen. Solidarität war damals nicht nur ein Wort. Diese Leute hatten sehr viel mehr Ähnlichkeit mit den ersten Gründern von Gewerkschaften, die vor Verfolgung fliehen mußten und dann oft am anderen Ort erst einmal von der Unterstützung ihrer gleichgesinnten Genossen leben mußten, bis sie ein Auskommen fanden. Ohne Sozialkasse. Solidarität mit einem solchen Flüchtling bedeutete; ich nehme ihn bei mir auf und teile mit ihm das, was ich habe, auch wenn ich selbst nur so viel habe, wie ich brauche. Vor allen diesen kleinen und vergessenen Menschen habe ich einen großen Respekt und ich bin ihnen sehr dankbar. Wie aber sieht es heute aus? Die hohen Funktionäre sind Absolventen irgendeines Sozial- Volks- oder sonstwas -Wirtschaftlichen Studiums, die sonst anderswo wohl keinen Job bekommen hätten. Die kleinen Funktionäre kungeln mit ihren Chefs, um das Arbeitervolk ruhig zu stellen. Ich frage mich, ob einer von denen überhaupt noch weiß, was eine Frankfurter Schaufel eine Drehmaschine oder ein Grubenfahrrad ist! Vielleicht muß man das als vollintegrierter Schmachtfohnstreichler auch nicht mehr wissen. Kann ich aber jemandem Vertrauen, der letzlich die per Bankauftrag eingezogenen Mitgliedsbeiträge verwaltet und sich daraus seinen eigenen Lohn (jetzt käme Protest!) festlegt? Sie tragen keinen Blaumann, sondern sehen mit Schlips und Krawatte genau so aus wie die Spitzenmanager auf der Gegenseite. Nur, auf der Gegenseite gibt es die bessere Bezahlung. Auch ich habe mal gestreikt für die eigenen Interessen, mit anderen in der gleichen Lage solidarisch. Ich habe nicht gestreikt, weil ich keine Lust zum Arbeiten hatte, sondern einfach, weil ich die Faxen dicke hatte, bin ich auf die Straße gegangen. Gut, das ging alles ganz ordentlich und zivilisiert zu, es wurden weder Autos angezündet noch Geschäfte geplündert, wie das inzwischen leider Mode zu werden scheint. Aber ich habe auf eigene Kosten gestriekt, auch wenn die Gewerkschaftsleute gleich dabei standen mit ihren Listen, in die man sich eintragen sollte, um Streikgeld zu bekommen. Ich habe mich nicht von denen bestechen lassen. Sicher, ich habe eine dicke Rechnung bekommen, aber dafür war der Streik ehrlich. Wie bei den ersten im 19. Jahrhundert. Ich lasse mir von niemandem sagen, geh für dies oder für jenes auf die Straße, ich gebe dir Parolen und Transparente.

  3. Kommentarberichtigung

    Es ist mir ein Fehler unterlaufen. Es muß nicht heißen; „Die haben so etwas wie die „Neue Heimat“ oder auch die „Bank für Sozialwirtschaft“ gegründet und diese gewerkschaftseigenen Unternehmen mit den gleichen Methoden zugrunde gerichtet, wie wir das von ihren Gegenspielern kennen.“ Es fehlt das Wort „nicht“. Ich habe es in schöpferischem Eifer glatt vergessen! Ich bitte um Entschuldigung, auch wenn Irren menschlich ist. („Es irrt der Mensch, so lang‘ er strebt.“ (J. Goethe). Der Satz lautet richtig: “ Die haben so etwas wie die „Neue Heimat“ oder auch die „Bank für Sozialwirtschaft“ gegründet und diese ngewerkschaftseigenen Unternehmen n i c h t mit den gleichen Methoden zugrunde gerichtet, wie wir das von ihren Gegenspielern kennen. “ Ich bitte alle möglichen Leser meines Kommentars noch einmal sehr um Entschuldigung. Ich habe meinen Kommentar viel zu spontan und schnell abgeschickt.

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