Gymnasium am Ostring

2010

Jedesmal, wenn ich heute am alten Standort meiner Schule vorbeifahre und den rostrotbraunen Klotz von Neubau sehe, kribbelt das Unverständnis in mir auf. Was die Stadt von Denkmalschutz und Erhalt von Stadtgeschichte hält, dürfte seit der Auflösung und dem Abriss des ältesten Gymnasiums in Bochum wohl jedem unmittelbar einleuchten.
Ich verbinde mit dem Gelände die schönsten Erinnerungen meiner Schulzeit. Wenn ich die Teile der alten Fassade sehe, die zwar beinahe zur Unkenntlichkeit ‚renoviert‘ wurden, rekonstruiere ich im Kopf das alte Gebäude, in dem ich 7 Jahre meiner Schulzeit verbracht habe. Auch der Schulhof mitsamt seiner Architektur darf nicht vergessen werden, in den Röhren saßen die Mädchen gerne zum Tratsch zusammen, während die Jungs auf dem roten Platz Fußball spielten. In der Cafeteria war ‚Corny‘ unser Lieblingsriegel, die Bänke an der Heizung im Foyer unser Stammplatz und der Musikraum mit dem großen schwarzen Flügel leider nicht unser Lieblingsraum. Unsere Nachbarklasse hatte die Peanuts an den Wänden, während wir uns direkt in der 5. Klasse dazu entschieden haben, unsere Dinos zu überpinseln. In unserem Klassenschrank lagerte eine Bibel, die einst Herbert Grönemeyer im Religionsunterricht nutze und im Kunstunterricht haben wir zu Beginn der Stunde abwechselnd aus ‚Tintenherz‚ vorgelesen. Unser Biologieraum war aufgebaut wie ein kleiner Hörsaal, am letzten Schultag vor den großen Ferien haben wir Zurück in die Zukunft geguckt und in der 8. Klasse sind wir zusammen zum Schüleraustausch nach Sheffield gefahren. Alle Klassenfahrten begannen am benachbarten Milchhof, welcher heute eine Standort einer Anwaltskanzlei ist. Wenn bei Fiege Bier gebraut wurde haben wir uns geschworen, niemals Bier zu trinken, weil wir den Geruch von Hopfen und Malz damals wenig appetitlich fanden.

Die Flure, besonders die im Altbau, hatten noch Flair, mit jedem Schritt lief man durch Schulgeschichte. Sie waren einzigartig, jeder Abiturjahrgang durfte sich auf einer Wand verewigen, die verschiedenen kreativen Wandbemalungen habe ich bis heute vor Augen (zum Beispiel ‚Niveau ist keine Hautcreme‚ im passenden Blauton, oder ‚Die Luft ist raus‚ mit selbstgemalten Pusteblumen). Wir malten uns schon in der 5. Klasse aus, wie ‚unsere Wand‘ in neun Jahren wohl aussehen könnte, und dass sie für immer da sein würde und folgende Generationen genau so erwartungsvoll vor ‚unserer‘ Wand stehen würden, wie wir es einst getan haben.
In besonderer Erinnerung bleibt für mich auch die Begehung des Turmes mit meinem damaligem Klassenlehrer. Im Turm und auf dem Dachboden lagerten Requisiten der Theater-AG, die mein Klassenlehrer leitete. Der Turm samt Dachboden strahlten so viel Geschichte aus, dass wir am liebsten länger dort geblieben wären. Schulgeschichte der letzten 50 Jahre zusammengewürfelt auf mehreren Quadratmetern, die die meisten Schüler nie zu Gesicht bekommen haben. Alles stammte aus dem Privatbesitz ehemaliger Schüler und Lehrer oder wurde selbst gebastelt. Die Treppe zum Turm war gewunden und eng, und in einer Stufe klaffte ein großes Loch: Ein Relikt aus dem Weltkrieg. Geschichte zum Anfassen eben. Welche Schule verfügt heute noch über griechische Literatur mit Pergamenteinfassung von 1948? Als diese alten Bücher zwecks Umzug in der Tonne landen sollten, durfte ich mir ein Exemplar mit nach Hause nehmen. Es steht bis heute in meinem Regal, als mein persönliches Stück GaO.

Eine Erinnerung von Deliah

2 Bewertungen

  1. Unglaubliche Umbenennung

    Ich war länger nicht mehr dort, aber soweit ich weiß, wird die Fassade in den Neubau des Justizzentrums mit einbezogen, wie auf einem Bild (1) des BLB NRW von den Bauarbeiten zu sehen ist. Damit verschwindet das GaO immerhin nicht völlig aus dem Stadtbild.
    Ein Bürgerentscheid über den Erhalt des „Ostrings“ erreichte nicht die nötige Beteiligung (2).
    Nach dem Zusammenschluss mit der ehemaligen Albert-Einstein-Schule in Bochum-Wiemelhausen wurde das Ergebnis in Neues Gymnasium Bochum umbenannt. Ein neuer Name sollte zwar gesucht werden, es blieb aber beim Arbeitstitel (3). Wo ist das Problem??? Ist der Name des weltberühmten Physikers plötzlich nicht mehr gut genug?

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    (1) https://www.blb.nrw.de/Bilder/Bilder_BLB/Bilder_Justizzentrum_Bochum/06-DSC_6164.jpg
    (2) https://de.wikipedia.org/wiki/Gymnasium_am_Ostring#Ende_der_Schule
    (3) https://de.wikipedia.org/wiki/Neues_Gymnasium_Bochum#Geschichte

  2. Neues Gymnasium Bochum auf baukunst-nrw.de

    Auf dieser sehr informativen Website finden sich eine Beschreibung und einige Fotos (1) des neuen Schulgebäudes. Das Gebäude wurde mehrfach ausgezeichnet:
    Auszeichnung guter Bauten 2014 (BDA Bochum)
    Auszeichnung Balthasar-Neumann-Preis 2014 (BDB, DBZ)
    Auszeichnung Schulbaupreis Nordrhein-Westfalen 2013 (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW / AKNW)

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    (1) http://www.baukunst-nrw.de/objekte/Neues-Gymnasium-in-Bochum–2532.htm

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