Filmerinnerung

1970

Im Jahr 1970 sah ich als 17-Jähriger mit großem Interesse den deutsch-italienischen Spielfilm „Die Verdammten“ (Originaltitel: „La caduta degli dei“) von Luchino Visconti. Behandelt wurde die fiktive Großindustriellenfamilie „von Essenbeck“, welche die Essener Stahldynastie „Krupp“ während der Hitler-Ära darstellen soll.

Eine Schlüsselsequenz im Film ist der Tod des greisen Barons Joachim von Essenbeck, dessen Vorbild wohl der Patriarch des Stahlimperiums Alfried Krupp war.

Mit großer Mühe recherchierte ich die Drehorte des Films. Der Presse war zu entnehmen, dass Visconti unter anderem keine Drehgenehmigung für die Krupp´sche „Villa Hügel“ bekommen hatte.

Als Kulisse des Film-Trauerzugs für den verstorbenen Kanonenproduzenten Baron von Essenbeck, in einem schwarzen Vierspänner, diente Visconti – mangels Drehgenehmigungen an „authentischen“ Orten – die Straße vor den mächtigen Hochofenanlagen der „Gutehoffnungshütte/Hüttenwerke Oberhausen AG“.

Sogleich machte ich mich als film- und fotobegeisterter Teenager auf den Weg nach Oberhausen und fotografierte aus der gleichen Perspektive Motive aus Viscontis Film. Damals ahnte noch niemand, dass die Hochofenanlagen auf dem „GHH/HOAG“-Gelände einmal abgerissen werden sollten und einem der größten Einkaufszentren Europas, dem CentrO, weichen mussten.

Aus deutscher Industriegeschichte wurde ein italienischer Spielfilm, der wiederum einen Teenager zu Fotos inspirierte. Aus diesen Fotos wurden dann wieder bildhafte Erinnerungen an verschwundene Hochofenanlagen. So wandelt sich die Realität von einem Erinnerungsort zu gestalteter Spielfilmfiktion und Fotografie. Auch wenn der reale Ort verschwunden ist, gibt es noch Luchino Viscontis Film „Die Verdammten“ und alte Fotos eines Teenagers – quasi als „Gefühlskonserven“ und Abbilder einer vergangenen Zeit.

13 Jahre später, im Jahr 1983 – herangereift zu einem Filmemacher – gestattete mir die Firma Krupp, was sie noch Luchino Visconti untersagte: Ich durfte die Aufnahmen zu meinem 30-minütigen Film „Der andere Hund“ in der Villa Hügel durchführen.

Und 44 Jahre später, im Jahr 2014, drehte ich einige Sequenzen meines Dokumentarfilms „Des Lebens Fülle“ im CentrO in Oberhausen.

Erinnerungsorte lassen einen wohl nie los, erst recht nicht, wenn sie mit der eigenen Biografie verknüpft sind.

Eine Erinnerung von Werner Biedermann

5 Bewertungen

  1. Wunderbar,

    wie die grimmigste Realität als Ding und Erfahrung hier zu Zeichen und Schichten von Zeichen wird, zu Medien. Wie Du, lieber Werner, das seit Deiner Jugend zu Deinem Thema machst. Immer neu und weiter.

    Frieder Nake, 18.8.18

  2. Film

    Eindrucksvoll diese Erinnerungen!

  3. Tolles Foto

    Ich kenne noch das Gelände der „Gutehoffnungshütte/Hüttenwerke Oberhausen AG“ von früher. So sah es da wirklich aus. Tolles Foto!

  4. Schönes Bild!

    Schönes Bild!

  5. Eindrucksvoll

    Das Foto beschwört auch bei mir Erinnerungen herauf… An dieser Kulisse fuhr ich über zehn Jahre vorbei – auf dem Weg von der Wohnung in Osterfeld zu meinem Dienstsitz in der Meuthen-Villa unterhalb des Galgenbergs, auf dem das Oberhausener Rathaus steht.
    Das so eindrucksvolle Areal, das entschwunden ist, war auch zentraler Drehort des Films „Der Herrscher“ von Veit Harlan aus dem Jahr 1937 : einer nationalistischen Verballhornung des Dramas „Vor Sonnenuntergang“ von Gerhart Hauptmann.
    Aber vielleicht immer noch sehenswert wegen des Schauplatzes und auch wegen des Hauptdarstellers Emil Jannings.

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Essener Straße 
46047 Oberhausen
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