Internationale Essener Songtage

25. bis zum 29. September 1968

Es war Ende September 1968, einen Monat vor meinem 22. Geburtstag. Ich war Beamtenanwärter aus ordentlichem Hause, aber der Zeitgeist der Rebellion machte auch vor mir und meinesgleichen nicht halt. Schließlich fiel die Karriere von Kollegen bei der Stadtverwaltung schon mal dem Radikalenerlass zum Opfer. Bob Dylan hatte schon 1964 gesungen „The Times They Are a-Changin’“, genauso empfanden wir unsere Lebenswirklichkeit. In Recklinghausen veranstaltete der Stadtjugendpfleger Kurt Oster sein erstes Beat-Festival mit Amateurgruppen. Die Beatlemania war ausgebrochen, am 25. Juni 1966 war ich bereits in der Grugahalle zum Beatles-Konzert. Ein Datum, das ich bis heute nicht vergessen habe. Aber ich interessierte mich auch für weniger kommerzielle Gruppen. Daneben war ich auch Jazz-Fan. Bereits im April 1962 besuchte ich ein Konzert von Louis Armstrong und seinen All Stars in der Dortmunder Westfalenhalle und im Mai 1965 ein weiteres in der Grugahalle. Auch die Konzerte von lokalen Gruppen und Liedermachern waren attraktiv für mich und meine Musikfreunde.
Im Alter von zehn Jahren erhielt ich zur Kommunion meine erste Kamera geschenkt: eine Agfa Isola-Rollfilmkamera (Negativformat 6 x 6 cm). Damit machte ich erste zaghafte Schritte auf fotografischem Gebiet. Das Taschengeld war knapp, Filme, Entwicklung und Abzüge teuer. Im Jahre 1964 konnte ich mir eine erste Spiegelreflex-Kamera leisten: die Exakta Varex VX IIb, seit 1963 auf dem Markt, die erste Kleinbildspiegelreflex mit einem Wechselsuchersystem, von der Firma Ihagee Dresden gebaut. Diese Kamera kam schon beim Armstrong-Konzert in der Grugahalle zum Einsatz. Der Foto-Bazillus hatte mich endgültig gepackt, ohne mit der Kamera bewaffnet zu sein, ging ich selten aus dem Haus.
Nun nahten die Internationalen Essener Songtage. Ich kannte schon länger die Brian Auger Trinity mit Julie Driscoll und ihrem Dylan-Cover „Wheels On Fire“. Platten von Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader, Wolf Biermann, Witthüser und Westrup, Family und Pink Floyd, standen in meinem Schrank. Lange vor der Zeit des Internets informierte man sich in Funk, Fernsehen und Fachzeitschriften über neue Strömungen in der populären Musik. Besonders aktuell und informativ war der englische Soldatensender BFBS. Der erste Beat-Club flimmerte am 25. September 1965 über die schwarz-weißen Bildschirme. Eine Offenbarung!
Gespannt war ich auf die amerikanischen Musiker, die zum ersten mal über den großen Teich zu uns kamen. Das Highlight war für mich der Auftritt von Frank Zappa mit seinen Mothers of Invention. Dieser Musikstil mit einer Mischung aus Pop, Jazz und neuer Musik zog mich ganz in seinen Bann – auch in Verbindung mit einer eindrucksvollen Lightshow. Während des Konzerts warf ein Zuschauer ein Papierknäuel auf die Bühne, worauf Zappa ärgerlich mit Abbruch drohte, sollte so etwas noch einmal vorkommen.
Stark berührt hatte mich auch der Auftritt von Tim Buckley, in dessen psychodelische Klangteppiche man tief eintauchen konnte. Sein Publikum besonders mitzureißen verstand Rick Abao. Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp bedienten die Erwartungen ihrer Fans in gewohnter Weise, auch was politischen Diskussionsbedarf anbetraf. Ich empfand mich nicht als unpolitisch, aber zu den Songtagen war ich gekommen, um Musik zu hören. Für den verbalen Austausch gab es ja Podiumsdiskussionen.
In Erinnerung geblieben ist mir auch noch Dr. Dr. Dr. Rolf Schwendter mit seiner Kinder-Blechtrommel, der mich damals aber nur amüsierte. Er gab u.a. „I can‘t get no satisfaction“ zum Besten, ich meine, mit einem deutschem Text.
Mit großem Interesse und unterschiedlicher Begeisterung habe ich neben den bereits genannten die Auftritte von Amon Düül, Gunter Hampels „Time is now“ mit dem jungen John McLaughlin, Hanns Dieter Hüsch, Family, Brian Auger Trinity, David Peel, Soul Caravan, Guru Guru Groove, Julie Felix, Floh de Cologne, Uli und Frederic, Tangerine Dream und The Fugs verfolgt. Nur wenige Künstler habe ich nicht erlebt, weil mir das Mammutprogramm schließlich zu viel wurde.
Die in der Luft liegende Proteststimmung entlud sich letztendlich beim Empfang des Oberbürgermeisters Nieswandt für die Künstler im Weißen Saal des Saalbaus, der aber auch von normalen Besuchern gestürmt wurde. Irgenwie bin ich mit hineingeraten. Ich sehe noch heute vor meinem geistigen Auge Franz Josef Degenhardt inmitten einer Gruppe von Aktivisten auf dem Boden sitzen und revolutionäre Thesen verbreiten.

Eine Erinnerung von Norbert Hugo Wagner

3 Bewertungen

  1. Eindrucksvolle Beschreibung einer herausragenden Veranstaltung

    Danke für die eindrückliche Beschreibung dieses kulturellen Großereignisses, das ich als Leuchtfeuer für Essen ansehe. Schließlich war es gelungen, die Crème de la Crème Musikrichtungen in der Stadt zu versammeln. Ich selbst war damals gerade Untertertianer eines Essener Gymnasiums und habe erst Jahre später von dem Festival erfahren.

    Könnten Sie vielleicht noch eine Bildlegende ergänzen? (Der Mann mit der Gitarre könnte Süverkrüp sein, Frank Zappa ist unverkennbar, aber wer sind die übrigen?)

  2. Funk, Fernsehen und Fachzeitschriften

    Funk, Fernsehen und Fachzeitschriften würden sich um so etwas heute leider gar nicht mehr oder wenn, dann nur in zwei Zeilen darum kümmern. Aber Funk, Fernsehen und Fachzeitschriften wie es sie damals gab, gibt es heute nicht mehr.

    Ein sehr sehr schöner Beitrag ist das hier!!!

    Ich erkenne übrigens auch Zappa und Süverkrüp, außerdem die Obermaier, die hier wohl auftauchen mußte, obwohl sie dort ganz sicher nur optisches Beiwerk war.

  3. Antismaili

    So ein Zufall. Ich war auch dort, habe aber nur einen sehr kleinen Teil der Veranstaltungen erlebt. Immerhin war das ganze ein Wandertag mit der ganzen kleinen Klasse. Ich erinnere mich noch an den Typen, der auf seinen Plakaten immer demonstrativ auf einer Kloschüssel saß. Das war Frank Zappa. Wahrscheinlich war ich ein bißchen zurückgeblieben, weil ich den nicht kannte. Trotzdem habe ich einer Podiumsdiskussion beigewohnt, bei der ich nur wenige Meter von dieser Underground-Ikone saß. Revolutionär zu sein war wohl damals die gängige Mode. Da Frank Z. kein Deutsch sprach, wurde ihm ein hübsches Mädel zugeteilt, das, mit einem gelben, mittelgroßen Deutsch-Englisch/Englisch-Deutsch Lexikon bewaffnet war und diese Aufgabe übernehmen sollte. Ich bekam allmählich den Eindruck, daß diese junge Dame vielleicht nicht so sehr wegen gediegner Englischkenntnisse zu dieser Aufgabe gekommen ist. Ich habe mir nie etwas auf meine Englischkenntnisse eingebildet. Diese Sprache interessiert mich immer weniger als solche, je mehr sie sich verbreitet und jedes neue deutsche Wort aus ihr stammt oder sich wie „Handy“ doch wenigstens so anhören sollte als ob. (Ich schweife aus, aber es muß sein!) Kurz: Englisch an sich ist in meinen Augen keine Sprache sondern ein Verständigungscode. Ich sah mir das Ganze also geduldig an und bemerkte, daß ich Frank Zappa verstanden hatte, bevor überhaupt übersetzt wurde. Ich habe dann sehr darüber gestaunt, daß dort, wo sicher eine Simultanübersetzung erwartet wurde, mitunter erst einmal im Wörterbuch geblättert wurde. Ich bin nun ein sehr geduldiger und zurückhaltender Mensch (das ist wohl ein schwerer Fehler?), trotzdem dachte ich allmählich darüber nach, ob ich nicht zur Verbesserung der Situation meine Dienste anbieten sollte. Während sich darüber nachdachte, fand sich dann doch noch jemand von den sicherlich älteren jungen Leuten, der ganz spontan diese Aufgabe übernahm. Ich war sehr froh darüber, daß ich mir dieses ins-Rampenlicht-Treten ersparte. Nun, den von mir später sehr geschätzten Hanns Dieter Hüsch kannte ich noch genau so wenig wie Dieter Süverkrüp oder Franz Josef Degenhardt. Schlimm war das Toilettenproblem, was mir den Tagesaufenthalt in Essen nicht wirklich angenehm machte. Trotz des Plakates von und mit Frank Zappa gab es auf diesem Gebiet nichts Erträgliches und möglichst Kostenloses. Nachdem ich dann noch am Nachmittag hörte, was „Free Jazz“ ist, habe ich mir gedacht, nein, diese Musik ist nicht die meine. Immerhin erhärtete sich meine Meinung, eine fremde Sprache zu studieren. Auf keinen Fall Englisch. Das umgibt mich auch so schon zu sehr.

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