Gestohlene Kinder- und Jugendjahre. Not und Elend kennzeichneten die 1940er Jahre

1940er Jahre

In der Diskussion um ein fortschrittliches und zeitgerechtes Schulsystem werden Großväter an ihre eigene Schulzeit erinnert. Während der Nazidiktatur hatten Eltern keine Möglichkeit auf das Schulsystem und auf die zu vermittelnden Lehrinhalte Einfluß zu nehmen. Der Staat und die NSDAP bestimmten alles für Volk und Vaterland. Als ich 1940 in die erste Klasse der Volksschule ging, lernten wir folgenden Spruch: „Frisch gewaschen und gekämmt, rein das Schürzchen und die Händ, und das kleine Taschentüchlein, muß auch frisch gewaschen sein. Den Griffel spitz, das Schwämmchen nass, dann hat unser Fräulein Lehrerin Spaß.“ Die Männer waren zur Wehrmacht eingezogen. Vereinzelt gaben auch männliche Pädagogen Unterricht. Es waren aber immer Lehrer, die kriegsbeschädigt und dadurch für die Wehrmacht untauglich waren. Meine Schwester warnte uns vor Fräulein Binneck, die während mancher Unterrichtsstunde 5-8 Schülerinnen und Schüler wegen mangelnder Aufmerksamkeit mit dem Stock bestrafte: Wir mußten die Hand aufhalten, sie faßte die Spitze des Mittelfingers und schlug wütend in die Handfläche: Vor dieser Strafe hatten wir Kinder Angst und weinten und schrien schon oft bevor sie uns geschlagen hatte. Die Hand tat uns so weh, daß wir den Griffel nicht richtig halten konnten. Wenn sie das Klassenzimmer betrat, mußten wir aufstehen und neben die Schulbank treten. Mit der ausgestreckten Hand mußten wir mit dem deutschen Gruß „Heil Hitler“ grüßen. Unseren Rektor sahen wir nur in der braunen SA Uniform. Bevor wir in das Schulgebäude gingen, mußten wir in Zweierreihen geordnet antreten. Wenn Schüler nach dem Trillerpfeifton sich nicht in Reih und Glied aufstellten, wurden sie in das Rektorzimmer beordert. Die zu bestrafenden Kinder mußten sich auf den Bauch über einen Schreibmaschinentisch legen und der Rektor versohlte ihnen mit einem breiten Kleiderbügel das Hinterteil. Bei offenem Fenster hörten wir im Klassenzimmer die Bestrafung der schreienden Kinder. Die Beschwerden der Eltern hatten nie Erfolg. Wenn mein Vater mal im Rundfunk einen ausländischen Sender hörte, wurde ich von meiner Mutter darauf hingewiesen, dass ich mit niemandem darüber sprechen dürfe, weil es verboten war. Vor den Lebensmittelgeschäften bildeten sich Menschenschlangen. Die Lebensmittelkarten reichten meistens für unsere große Familie nicht aus. Wenn es beim Bäcker Brot gab, stand ich oft in der Schlange. Wir Kinder wechselten uns ab. Wenn ich an der Reihe war, gab es oft kein Brot mehr. Manchmal gab es nur Maisbrot, das wir Kinder nicht gern gegessen haben. Wir hatten aber keine Wahl. Wenn wir nicht hungern wollten mußten wir auch Maisbrot essen. In der Kriegszeit hörten wir aus dem Volksempfänger den Schlager „Lili Marleen“, der von Lale Anderson gesungen wurde. Um die Kriegslage zu überspielen wurde als Durchhalteparole der Schlager „Es geht alles vorüber“ gespielt. Zahra Leander als Schlagerstar sang “ Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“, und „davon geht die Welt nicht unter“ wurde sehr populär. Als viele deutsche Städte in Trümmern lagen wurde der Schlager noch gesungen. Er sollte den Menschen wieder Mut machen. Viele Nächte verbrachten wir im Luftschutzkeller oder im Bunker. Meine Eltern mußten Gasmasken anschaffen, für den Fall, dass chemische Kampfstoffe eingesetzt wurden. Die eingeschlagenen Brandbomben veränderten die Wohnungen der bombadierten Häuser. Als 1945 der Krieg zu Ende war starb mein Vater im Alter von 44 Jahren. Er hinterließ eine Frau und 5 Kinder. Wir alle hatten eine schwere Zeit zu überstehen. Nicht nur Not und großes Elend hat das Dritte Reich den am Leben gebliebenen Menschen überlassen. Es war ein neues Gefühl, wieder über alles zu sprechen, was wir dachten. Nach dem großen Unheil, das uns überlassen wurde, waren wir endlich freie Menschen.

Eine Erinnerung von Horst Weckelmann

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