Alsum: Die letzte Spur

Immer, wenn ich dort bin, zuletzt im April 2014

Vielleicht waren Orte einmal ein fester Platz der Erinnerung. Was aber, wenn diese Orte im Begriff stehen, zu verschwinden, oder gar bereits verschwunden sind? Ich gebe zu, dieses Bild ist nichts besonderes. Es ist nicht das, was man ein schönes Foto nennen könnte. Eine meterspurige Schiene taucht aus dem Asphalt auf, geht durch ihr altes Bett aus Grauwacke. Sie führt über eine leere Straße, die aussieht, als ob ihre Instandhaltung vergessen wurde, an einem Kühlturm vorbei, auf einen bewaldeten Hügel zu.

Der Hügel war zuerst ein Dorf, in dem die blühenden Apfelbäume im Frühling die Menschen aus der staubigen Heimat an den Rhein lockte. Die Schienen gingen einmal bis zur Anlegestelle der Westmark, dem Schiff der Luwenschiffahrt. Sie fuhr über den Rhein nach Xanten, nach Emmerich. Die Straßenbahn allerdings fuhr da schon nicht mehr bis zum Rhein. Es blieb immer noch ein Stück zu wandern. Zuerst noch durch einen erkennbaren Stadtteil, dann wurde der Stadteil nach und nach abgerissen und eine Müllhalde wurde aufgeschüttet. Da ging der Weg zum Rhein schon zwischen brenzlig stinkenden Schwaden her, die aus dem schwelenden Boden der Müllhalde aufstiegen. Es hatte ein bißchen was von Dantes Wanderung durch die Hölle. Schließlich wurde auch die Müllhalde begraben. Warum ist es am Rhein so schön? Diese Frage aus dem Volkslied kann ich dort nicht beantworten. Statt daß man über schöne Promenaden am Fluß entlang gehen kann versperren die Anlagen der Schwerindustrie den Zugang an viel zu vielen Stellen. Erinnerung an ländliche Idylle kommt nur auf, wenn die Schafe die Auen vor den hohen Deichen abgrasen. Statt der Burgen des Mittelrheins wurden hier Kraftwerke, Hochöfen, Stahlwerke und Kokereien gebaut. Die gute hamborner Kohle wird schon seit über vierzig Jahren nicht mehr gefördert. Das Kraftwerk West der Steag in Voerde, das vor 45 Jahren mit großen Erwartungen gebaut wurde, arbeitet schon seit ein paar Monaten nicht mehr. Ist es ein Jahr? Auch Stahlwerke können stillgelegt werden, siehe Rheinhausen. Wozu dann noch die Kokereien? Es gibt keine Arbeit und kein hartes, ehrliches Brot mehr, dafür aber eine bis in die Tiefe zerstörte Landschaft. Wie kann man einem kleinen Ort so etwas antun? Wie kann man einen Ort bewußt begraben, einen Ort, in dem Menschen gelebt haben, ihr zu Hause hatten, und über die Schiene, mit der meterspurigen Straßenbahn auf der ersten hamborner Straßenbahnlinie aus dem Jahre 1910, in die Stadt, auf den Markt fahren, wo man noch lange auch lebende Hühner und Enten kaufen konnte und nicht nur deren Eier. Die Schienen sind ein Zufall. Sie sind ein zufälliger Erinnerungsort. Die dazu gehörigen Straßenbahnen sind gleich nach der Stillegung der Meterspur 1966, in den Siemens-Martin-Ofen gefahren worden, den es nun auch nicht mehr gibt. Von den eleganten zweiachsigen Hechtwagen von der Waggonfabrik Uerdingen, eine Spezialanfertigung für die Hamborner Straßenbahn, ist nicht ein einziger Wagen geblieben. Ist das ein Wunder, wo die DVG erst kürzlich den historischen Harkort-Sechsachser-Gelenkwagen nach Norwegen verkauft hat? Wenn die Stadt Duisburg so schon mit ihren eigenen technischen Denkmälern umgeht, auf die sie stolz sein könnte, was soll man da erwarten, wie sie mit dem Erbe einer eigemeindeten Großstadt umgeht, deren Namen seit 1935 aus der Liste der kreisfreien Städte verschwunden ist? Der älteste hamborner Zweiachser von 1910 steht inzwischen in Wuppertal. Doch auch dort ist er nicht mehr zu besichtigen. Es fehlen die Mittel, unpersönlich ausgedrückt. Es gibt keinen einzigen zweiachsigen Hechtwagen der Hamborner Straßenbahn mehr. Es gibt auch seit über fünfzig Jahren kein Stadttheater mehr in Hamborn. Kultur gibt es nur in der Oberstadt. Doch diese kommt nun auch allmählich herunter wie so viele stolze Städte im Kohlenpott. Doch weiß kaum jemand noch, wie eine Kokerei stinkt oder eine Zinkhütte, wann die weiße Wäsche hereingeholt werden muß, weil der Wind den Staub, den die Konverter der Stahlwerke in die Luft bliesen, landein getrieben wurde. Das war meistens der Fall: Hauptwindrichtung: West. „Norden, Süden, Osten, Westen, im Kohlenpott ist es am besten“, stimmt das noch? Die Menschen sind gekommen wegen der Arbeit und um des Brotes. Die Schornsteine haben so geraucht, daß die Sonne auch im Sommer nur ein heller Fleck in einem Himmel war, den nur die Phantasie blau bekam. Heute gibt es den blauen Himmel über der Ruhr, aber die Städte sind zu einer Mischung von Altersheim und Armenasyl geworden. Wer jetzt herkommt, kommt nicht wegen der Arbeit, sondern wegen der Sozialhilfe und der Wohnungen, in denen sonst niemand mehr wohnen will. Die interessiert der Unterschied zwischen Hütte und Stahlwerk nicht. Die Deutschen sind sich zu fein geworden für diese Städte, über die sie doch schon die Nase gerümpft haben, als der Reichtum des Landes von dort kam. Was ist noch ein Ort der Erinnerung, wenn selbst unseren Leichnamen eine Zeit von höchstens zwanzig Jahren gegeben wird, wieder zu Staub zu werden, weil niemand mehr durch einen Grabstein an seine eigene Sterblichkeit erinnert werden möchte? Es ist ein zufälliger Ort der Erinnerung, es ist ein zufälliger Besuch, das Grab meines Vaters gibt es nicht mehr.

Eine Erinnerung von M. Andres

3 Bewertungen

  1. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit?

    Ein langer Text. Was will er uns sagen?

    Dieser Erinnerungsort ist ein veraltetes Narrativ vom „Kohenpott“.

    Ich habe nichts geben Ruhrgebietsromantik, habe vor langer Zeit nach Spuren dieses Narrativs gesucht (1), aber M. Andres‘ dermaßen verklärenden Blick kann ich nicht nachvollziehen. Es bleibt natürlich dem/der Autor_in überlassen, dem nachzuhängen, aber zwei Punkten seiner/ihrer Darstellung bin ich nicht einverstanden:

    * „… aber die Städte sind zu einer Mischung von Altersheim und Armenasyl geworden.“
    Bestimmt gibt es in den Revierstädten mehr Armut als in Düsseldorf, Frankfurt oder Baden-Baden, sie als Alterheim und Armenhaus zu beschreiben, ist übertrieben.

    * „Wer jetzt herkommt, kommt nicht wegen der Arbeit, sondern wegen der Sozialhilfe und der Wohnungen, in denen sonst niemand mehr wohnen will.“
    Das sollte bitte ‚mal belegt werden!

    —————

    (1) vgl. „Im Ruhrgebiet“, http://www.zeit-raeume.ruhr/die-erinnerungsorte/ruhr-museum-zeche-zollverein-essen-im-ruhrgebiet-2/

  2. Ein Buchtip für den Blick nach vorn

    Wer sich für eine nicht rückwärts gewandte Betrachtung des Ruhrgebiets interessiert, findet Bestandsaufnahmen und Perspektiven in dem Buch

    Jörg Bogumil/Rolf G. Heinze/Franz Lehner/Klaus Peter Strohmeier
    Viel erreicht – wenig gewonnen
    Ein realistischer Blick auf das Ruhrgebiet
    Essen, 2012

    Die Autoren, Professoren an der Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB, stellen darin eine „realistische Bestandsaufnahme der neueren sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen und Strukturen im Ruhrgebiet vor, und wir bestimmen vor dem Hintergrund dieser Diagnose die Optionen, die dem Ruhrgebiet und seinen Kommunen bleiben. Dabei brechen wir mit den Mythen der Vergangenheit, wir plädieren für forcierte Investition in die Menschen, die der Strukturwandel der letzten Jahrzehnte nicht nur um den Arbeitsplatz, sondern auch um zentrale gesellschaftliche Teilhabechancen gebracht hat, wir plädieren für bessere interkommunale Kooperation und zugleich für mehr „funktionale Differenzierung“ der Kommunen, die immer auch mehr Konkurrenz bedeutet. Das Ruhrgebiet hat nur eine Perspektive, wenn es sich auf den Weg von „unzusammenhängender Gleichartigkeit zu zusammenhängender Vielfalt“ macht […] und wenn Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in seinen Städten zusammenarbeiten.“

    Das Buch ist vergriffen, steht aber auf der Website der Fakultät für Sozialwissenschaft zum KOSTENLOSEN DOWNLOAD bereit:
    https://www.sowi.rub.de/mam/content/heinze/weitere/viel_erreicht_%E2%80%93_wenig_gewonnen_ein_realistischer_blick_auf_das_ruhrgebiet.pdf

  3. An Arne

    Lieber Herr Arne, vielen Dank für Ihre ausführlichen Kommentare. Ich nehme Ihre Kritik durchaus zur Kenntnis, möchte aber einwenden, daß ich hier weder eine wissenschaftliche Arbeit verfaßt habe noch verfassen wollte. Ich gebe also hier sehr persönliche Eindrücke wieder, die ich letztlich nur meinen Beobachtungen und Erinnerungen zu verdanken habe. Das war ja wohl auch die Absicht der Initiatoren. Letztlich können nur neue Arbeiten zum Thema verfaßt werden, wenn es genügend Reaktionen gibt mit eben persönlichen Erinnerungen. Allerdings habe ich mich darüber gewundert, wie gering das Echo dieser Aktion in der Bevölkerung des Ballungsgebietes Ruhrgebiet/Kohlenpott ist. Ich hätte mit hunderten Autoren gerchnet, die zwischen „Bochum ich lieb dich“ mit „Currywurst“ und Kommissar Schimanskis Tunnelfahrten außer dem „Mond von Wanne-Eickel“ noch andere Erinnerungen haben.
    Als gebürtiger Kohlenpötter, als Hamborner gar, der aus beruflichen Gründen zum Heimatvertriebenen wurde, kann ich sehr wohl die Lebensbedinungen in unterschiedlichen, wenn natürlich auch nicht in allen Städten aus eigenem Erleben unterscheiden. Ich weiß auch, daß sich Nichtkohlenpätter nur ausnahmsweise mal zu einem Ausflug in diese staubige Heimat begeistern lassen. Also sind entsprechend Neubürger im Kohlenpott in der Regel nicht freiwillig dort, sondern zugewiesen. Und meine erste Bemerkung die Sie bemängeln, und bei der ich durchaus etwas gezögert habe und noch einmal in mich gegangen bin, habe ich erst kürzlich bei einem Ausflug mit öffentlichen Verkehrmitteln an Ort und Stelle bestätigt gesehen. Im Straßenbild fehlen die jüngeren Leute. Es fehlt die Mitte der Bevölkerung weitgehend, die im Arbeitsprozeß steht. Ich habe also das Recht auch auf Karikatur in Anspruch genommen um einen Stein des Anstoßes zu geben und damit auch Aufmerksamkeit für eines der Probleme des fraglichen Gebietes mit rekordverdächtigen Arbeitslosenzahlen. Trotzdem vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Hinweise, auch wenn mein Verhältnis zum Kohlenpott keineswegs wissenschaftlich begründbar ist.

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