Die Amerikaner kommen

1945

Als die Amerikaner im April 1945 unseren Ort erreichten wohnten wir im Keller unseres Hauses in Dortmund-Wickede. Ich war 7 Jahre alt.
Wir, d. h. meine Mutter mit 4 Kindern einer Großtante und meinen Großeltern. Mein Vater galt als vermisst.

Sie kamen aus Richtung Unna mit ihren Panzern. Ich fühlte eine eigentümliche Spannung
voller Neugier und Angst. Wird es noch zu Schießereien kommen, wie werden sich
die Soldaten verhalten und was sollen wir tun? Die Erwachsenen betonten immer wieder,
dass sie froh seien, dass es amerikanische Truppen waren die uns zuerst erreichten.
Meine Mutter hatte ein weißes Bettlaken an einer Bohnenstange befestigt und
aus dem Fenster gehängt.

Der Volkssturm, bestehend aus alten Männern und jungen Jungs, die als
letzte Bastion das Dritte Reich mit Panzerfäusten retten sollten, hatten ihre Uniformen und Waffen in die naheliegende Panzersperre geworfen und waren abgetaucht. Ein Stoppen des Vormarsches der Amerikaner oder sogar eine Verteidigung unseres Reiches von dieser Seite war Gott sei Dank nicht mehr zu erwarten.

Als sie kamen – die ersten fremden Soldaten – trugen sie neben ihren Waffen u.a. Eier, Weißbrot und Schokolade unter dem Arm. Sie wollten uns zeigen, was wir nach langen Entbehrungen künftig zu erwarten hätten. Auch das freundliche Grinsen der schwarzen Soldaten mit ihren blendend weißen Zähnen beruhigte mich sehr.

Alle Häuser wurden durchsucht. Bei uns kam es zu einer brenzligen Situation, die ausgelöst wurde, durch die Postdienstmütze meines Großvaters. Die Soldaten vermuteten ein Versteck eines untergetauchten Feindes. Meine Mutter mußte mit Händen und Füssen erklären, welche Aufgaben ein deutscher Postbeamter hatte.

Später wollte man unsere Wohnung beschlagnahmen, weil die Amerikaner sie gern selbst als Unterkunft benutzen wollten. Meine Mutter konnte nach langen Debatten einen zuständigen Offizier umstimmen: er wollte dann doch keine Frau mit 4 Kindern, Großtante und Großeltern mal eben auf die Straße setzen.

Nach dem Einzug der Amerikaner sind wir aus dem Keller wieder nach oben in unsere Wohnung gezogen. Für mich begann eine neue Zeitrechnung: ohne Bombenalarm ohne Angriffe, ohne Tiefflieger, ohne jeden Tag Steckrüben oder Graupensuppe.

Später gehörten wir zur britischen Besatzungszone: d. h. Die Amerikaner gingen und die Briten kamen. Schnell konnten wir Kinder mit britischen Soldaten, die uns ihre Fahrzeuge
vorführten Freundschaft schließen. Immer wenn sie alle 4- bis 6 Wochen auf dem Sportplatz in Wickede, warum auch immer, in Reihen auffuhren, wußten wir, wo unser Soldat mit seinem Fahrzeug stand. Dort gab es Kekse und Schokolade.

 

Eine Erinnerung von Gerd Heitkemper

3 Bewertungen

  1. Typisch

    Ein typischer „Befreiungs“-Bericht, wie man ihn schon oft gehörthat, aber deshalb nicht weniger lesenswert!

  2. so war es, die Angst und Hilflosigkeit gegenüber dem Fremden war unsäglich

    Jens E. muß sehr jung sein wenn er sagt: Typisch

  3. Ich habe das Selbe als 9jähriges Mädchen erlebt.

    Es war eine wirklich schreckliche Zeit , “ unvergesslich „

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