Cranger Kirmes

Kirmes in Crange, mit meinem Vater  hinter die Kulissen blicken
Cranger Kirmes in Wanne-Eickel (jetzt: Herne)

10. August – Laurentiustag in Crange
– 12. August Geburtstag von Edmund Schuitz (1913 – 1992) im Amt Wanne.

Zwei Ereignisse, lebenslang zeitlich und räumlich dicht beieinander, sind Höhepunkte im Leben des kleinen Jungen. Den ersten Weltkrieg verlustreich überlebt, die Hungerjahre überstanden, der Vater für tot erklärt – keine guten Startbedingungen für zwei kleine Geschwister aus Unser-Fritz. Doch für Mutter und Kinder war es nichts Besonderes, sie teilten dieses Schicksal mit anderen Familien in der Straße.
Viel hat mein Vater nicht von früher erzählt, aber die Cranger Kirmes, und nur diese, hat ihn sein Leben lang in ihren Bann gezogen. Unsere Familie wohnte immer am Rande des Kirmesgebietes, erst in der Nordstrasse (heute Stefanstr.), später an der Hauptstrasse 380. Schon wenn die ersten Wagen kamen, zog er mit uns Kindern nach Crange, der Abend vor der Kirmeseröffnung war ihm der Wichtigste. In Lehnert´s Hof, bei „Lulu“ Meinken und Becker´s Gastwirtschaft versorgte uns Vater mit Apfelsaft und Nüssen – wir hörten zu, wenn die Großen erzählten und staunten: über die „Dame ohne Unterleib“ und die „zersägte Jungfrau“. Immer gab es Spektaktuläres wie Entfesselungskünstler, tänzelnde „ungarische“ Boxer (die aus Erle kamen) oder den Zirkus Schäfer mit der Liliputaner Stadt.
Doch das, was die meisten Besucher nach Crange lockte, war für meinen Vater unwesentlich. Er interessierte sich von klein auf für das Leben und Treiben hinter den Kulissen.
Während die Schwester Maria staunend vor Buden und Karussells stehenblieb und die schrill gekleideten Damen bewunderte, hielt sich der große Bruder lieber bei Tieren und Händlern auf, schaute hinter die Fassade und besonders neugierig in Planwagen der fahrenden Leute. Maschinen und technische Geräte waren Wunderwerke; den Arbeitern und Schaustellern, die mit großem Körpereinsatz schweißtreibende, ja, oft halsbrecherische Arbeiten durchführten, zollte er großen Respekt.
Jeder Tag brachte neue Abenteuer, doch Momente der größten Spannung waren Ab- und Aufbau der Fahrgeschäfte und Schaubuden. „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ – Kost und Logis frei – welche Verheißung der großen, weiten Welt für einen vaterlosen Jungen aus der Vinckestrasse in Unser-Fritz.
Immer wieder Cranger Kirmes – auch damals sparten die Kinder, was man nur sparen konnte. Tadelloses Benehmen, fleißiges Lernen in der Schule, größte Hilfsbereitschaft im Haushalt und der Nachbarschaft, keine Widerworte – die besten Seiten kamen zum Vorschein, damit nur kein Kirmestag gestrichen wurde.
Mit größeren Mädchen (Backfische) durften dann tagsüber auch die Geschwister Schuitz zum Festplatz gehen. Wasser und Brot gab ihnen die Mutter im „Affen“ mit, so trotteten sie los. Maria und Edmund konnten sich nur wenige Herrlichkeiten leisten. Aus Sorge, zuviel für „Schnuckersachen“ auszugeben, behielten sie oft ihre Pfennige und Groschen. Ihre Freude bestand aus Zugucken und Dabeisein. Häufig gönnten sie sich erst am Ende des Tages etwas Gutes: Eine Karussellfahrt – Zuckerwatte – Paradiesäpfel und ein Blick ins Festzelt.
Kaum war der große Spaß vorbei, erwartete man das nächste Jahr schon sehnsüchtig. Gestern wie heute sagten die Leute: „Nach der Cranger Kirmes kommt der Herbst und dann……“

1933 gehörten die Kirmes- und Geburtstagserlebnisse der Vergangenheit an. Der nun zwanzigjährige Edmund verließ Wanne-Eickel. Schuitz wanderte mit Freunden nach Italien, in Rom konnte er an der Accademia di belle Arti e liceo artistico als Stipendiat seine Ausbildung fortsetzen. 1940 wurde er eingezogen und kehrte 1945 wieder zurück. Seine Heimatstadt fand er schwer beschädigt vor: die Familie traumatisiert, Freunde, Bekannte waren tot, verschwunden, vermißt, verwundet. Nur Weniges hatte sich über die Kriegsjahre retten und einer Neuorientierung dienen können. Zu den wichtigen „Platzhaltern“ gehörten für Schuitz neben Kirchen, Friedhöfen, Kanal und Fußballplätzen die Cranger Kirmes. Sie hatte nichts an Faszination für ihn verloren.
In den Jahren 1950, 1956 und 1957 gestaltete Edmund Schuitz die Plakate für das Volksfest. 1950 reichte es aus, dass fahnengeschmückte Lautsprecherwagen mit angehängten Plakaten in die Nachbarstädte fuhren und für die nötige Reklame sorgten. Auch in der Nähe des Kirmesplatzes stellte man Transparente auf. Dieser Aufwand lockte Menschen aus allen Himmelsrichtungen nach Crange. Schon 1950 gehörte die Kirmes zu den größten Jahrmärkten in Westdeutschland. 1956 genügten diese Werbemittel nicht mehr. Edmund Schuitz erhielt den Auftrag von der Stadt Wanne-Eickel „..20 Plakatseiten der Plakattafeln mit wetterfestem Material zum Preise von insgesamt 1.000 DM zu bemalen und bis zum 20.07.1956 auszuführen“. 10 große Plakattafeln standen an den Stadtgrenzen, 2.000 Plakate warben überregional für das Volksfest. Auf 150 Bahnhöfen gab es Sonderfahrten nach Wanne-Eickel. Auch Flugzeuge mit „Bannerschlepp“ wurden für die Werbung angemietet. Weil diese Aktionen so erfolgreich waren, wiederholte man die Plakataktion samt Tafeln, versehen mit den aktuellen Daten 1957, erneut.

Trotz aller Sorgen, Mühen, Ängsten im Blick auf Vergangenheit und Zukunft – die fünf Tage in Crange bedeuteten Eintauchen in eine andere, zugleich aber vertraute Welt. Und wieder war es wie zur Kinderzeit: Nicht die bunte, schillernde Fassade zog Edmund Schuitz an, nicht die strahlenden Lichter der rotierenden Karusselle, auch nicht die sich verstärkende Musik und die aromatischen Gerüche. Gerne überließ er diese Ansichten den Fotografen. Nein, ihn lockte es wieder hinter die Buden zu den Akteuren. Vor Arbeitsbeginn, wenn die Müllmänner kamen, die Kontrollen erfolgten und nach Feierabend, wenn die letzte Niete gezogen, die „Geister“ der Bahn ins Bett gingen, die „Wilde Maus“ endlich Pause machte: das war seine Zeit. Ohne Kostüm, müde, abgeschminkt, die Füße angeschwollen – noch schnell die Einnahmen zählend, aber zufrieden mit dem Wenigen, das in der Kasse lag, dazu das Herz auf dem rechten Fleck und ein Witz umsonst dazu – diese Schaustelleratmosphäre hatte es ihm angetan. Auf ein Bier, eine Zigarette in der Hand, blieb er stehen, hörte aufmerksam die vielen Dialekte, nahm Erzählungen und Erlebnisse in sich auf.

In den 60er und 70er Jahren fehlte ihm die Zeit, war häufig auf Baustellen außerhalb unterwegs. Erst im letzten Lebensjahrzehnt wandt er er sich wieder verstärkt der Kirmes zu. So entstanden Skizzen unterschiedlichster Art, dienten als Vorlagen für spätere Radierungen. Mit seinem betagten Dreibeinsitz, der noch älteren Aktentasche, angefüllt mit Papier und Stiften aller Art, wetterfester Joppe und Hut, machte er sich täglich morgens voller Erwartung auf den Weg.
Unabhängig vom Wetter ließ er sich im Riesenrad hochziehen, seine Maltasche dabei. Vergnügt saß er dort, versorgt mit Proviant und warmen Socken. Über Schießbuden, Freßtempeln und Fahrgeschäften, Kirche und Kanal in Sichtweite, ließ er seinen Gedanken und Stiften freien Lauf. Diese Stunden erfüllten ihn – das war für ihn  Reichtum: Zeit und Muße im Überfluss zu haben. Die unzähligen fleißigen Helfer, die für das bunte Treiben sorgten und Illusionen möglich machten, sie waren seine Helden. Die vielen Hände, die Essen und Trinken bereitstellten, die kaum wahrgenommen wurden, sah er als Motoren an und wurden schnell skizziert. Diese kleinen Zeichnungen verschenkte er gerne an sie. Der „Pfeffermann“ unter der Brücke, die Männer der Boxbude, sie beeindruckten ihn ebenso wie der Bauchredner und die Inhaber der großen Fahrgeschäfte.
Er, der Kunstmaler, fühlte sich diesen Menschen verbunden in ihrer Freiheit der Selbstbestimmung, ihrem Einsatz und ihrem Kampf für den beruflichen Erfolg. Sich immer wieder neu auf den Weg zu machen, Menschen zu begegnen, sich kennenlernen und wieder auseinandergehen, voller Vertrauen auf die eigene Leistung und dem Optimismus des „es wird schon gut gehen“ – diese Lebensausrichtung entsprach im Grundsatz auch der Seinigen.

In diesem letzten Jahrzehnt entdeckte Edmund Schuitz die Kirmes nochmals neu, dieses Mal mit den beiden Enkel­kindern. Der Großvater fuhr sie im Kinder­wagen zum Pferdemarkt, setzte sie später auf´s Kinderkarussell, gab ihnen Kirmes­geld, nahm ihnen die Angst vor der Geisterbahn. Mit Glanz und Glimmer machte er sie vertraut. Er wurde nicht müde, mit ihnen über die Kirmes zu laufen, zum großen Erstaunen unserer Mutter, war er doch mit seinen eigenen Kindern nie weiter als „Meinken“ gekommen. Mit seiner Frau genoß er das abendliche Glas Bier vor der Haustür, die damit verbun­dene Kommunikation mit Bekannten und Unbekannten. Das obligatorische Würstchen bei Lehnert gehörte ge­nauso dazu, wie der „Gute Tropfen“ bei Annemarie Meinken. Seine Freude und persönliches Glück war es, wenn sein Geburtstag in die Zeit des Kirmes­trubels fiel. Bis auf wenige Ausnahmen hat er Wanne während der Kirmestage nie verlassen.

Eine Erinnerung von Ingeborg Müller-Schuitz

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