Bochumer Himmelsglühen

1955

Wir zogen 1955 von Soest in Westfalen nach Bochum, weil mein Vater dort Arbeit hatte. In Soest hatten wir am Stadtrand gewohnt, gegenüber lagen Felder und Wiesen und man konnte bis nach Paradiese sehen, das ist ein kleines Dörfchen westlich von Soest. In Bochum wohnten wir an der Herner Straße, damals ein Teil der Bundesstraße 1 mit viel Verkehr, im 1. Stock eines wieder aufgebauten Wohnhauses, das von Ruinen flankiert war. Gegenüber lag ein Grundstück auf dem eine Spedition untergebracht war. Dort standen nur flache Schuppen. Dahinter lagen in einigem Abstand Mietskasernen an der Josephstraße. In diesen Häusern – wie im ganzen Viertel – wohnten viele Arbeiter des Bochumer Vereins, der etwas weiter westlich lag. Damals hatte der Bochumer Verein noch viele Tausend Arbeiter und betrieb mehrere Hochöfen, Stahl-, Walz- und Hammerwerke, mechanische Werkstätten Drehereien usw. Als wir in Bochum angekommen waren, gab es am Abend ein unglaubliches Schauspiel, das uns faszinierte, uns aber zugleich auch Angst machte. Der Himmel wurde im Westen plötzlich rot, dann gelb und dann immer heller, bis er fast weiß erschien. Trotz der Dunkelheit standen strahlend weißgelbe Wolken vor diesem Himmel, der eigentlich hätte dunkel sein müssen. Meine drei Geschwister und ich standen in den folgenden Monaten immer wieder am Fenster und schauten gebannt nach Westen auf dieses für uns unerklärliche Schauspiel, das unsere Eltern nur unzureichend erklären konnten. Im Laufe der Zeit gewöhnten wir uns daran.
Erst Jahre später, am Ende der vierten Klasse in der Schule an der Feldsieper Straße, wurde unsere ganze Klasse zu einer Führung durch die Werkstätten des Bochumer Vereins eingeladen. Da standen wir dann auch in gebührendem Abstand vor dem großen Sandbett hinter den Hochöfen, in die beim Abstich das weißglühende flüssige Eisen floß und zum ersten Mal sah ich, woher das gleißende Licht kam, das mich und meine Geschwister immer so fasziniert und geängstigt hatte. Wir hatten damals keinen Fotoapparat und haben also auch kein Foto davon machen können.

Eine Erinnerung von Daniel Stemmrich

2 Bewertungen

  1. Zwei Parallelwelten

    Uns ist es genau andersherum gegangen. Als Achtklässlerin wurde ich mit der Familie von Gelsenkirchen-Horst nach Soest verfrachtet. Genauer gesagt, in ein Dörfchen aus ca. 10 Häusern. Völlig neu waren die Entfernungen zwischen den Orten, die häufig zu Fuß oder per Rad zu bewältigen waren. Dazwischen Felder und kleine Dörfer, immer mit Kirchturm, soweit das Auge reicht. Heute finde ich aus beiden Welten immer das Beste für mich heraus. Ich wünschte dem Portal etwas mehr Zulauf, aber es ist auf Anhieb sehr schwer zu finden

  2. Ja, genau so und/oder ähnliches kenne ich auch

    Etwas ähnliches sahen wir als Kinder am Dortmunder Himmel, wenn bei Hösch die Hochöfen abgestochen oder auf Zeche Hansa die Kokerei ihre Brennöfen löschte.
    In der Weihnachtszeit hieß es dann:
    Die Engel backen jetzt die Plätzchen.

    Etwas anderes hat uns in der Adventszeit ebenfall fasziniert: Auf den Fördertürmen umzu erleuteten große Tannenbäume die Nacht:
    Je Adventssonntag ein Baum mehr, bis alle vier auf den vier Ecken erstrahlten.

    Ich suche hierzu Fotos. Kann mir da einer helfen?
    die Schachtanlage ist mir egal.
    Hans-Joachim Dorny

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44793 Bochum
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