Kindheit in einer Bergmannsfamilie in den 60er Jahren

Zwischen 1959 - 1965

Das Ruhrgebiet nach dem II. Weltkrieg
Die ersten Jahre nach dem Krieg standen auch im Ruhrgebiet unter dem Eindruck des Hungers, der Zerstörung der Infrastruktur und der damit verbundenen Wohnungsnot. Auflagen der Alliierten Mächte und die Entflechtung der Konzerne und Produktionsbeschränkungen sowie eine starke Inflation verstärkten noch die Situation im Ruhrgebiet. Im Süden unserer Republik gab es kaum Arbeit und im Ruhrgebiet wurden händeringend arbeitsfähige Männer für die Kohle- und Stahlbetriebe gesucht.

Arbeit im Bergbau und das Leben in meiner Bergmannsfamilie bis Ende der 60er Jahre
Mein Vater ist Anfang der 50er Jahre aus Karlsruhe/Baden Württemberg den Werbern der Montanindustrie ins Ruhrgebiet gefolgt. Es sollte nur für eine kurze Übergangszeit sein. Meine Eltern wollten so schnell wie möglich wieder zurück in ihr heimatliches Umfeld. Zuerst nur mein Vater, der in einem Ledigenheim in Dortmund-Westrich unterkam (1954). Die Heime wurden häufig in der Nähe von Industriebetrieben und Zechen gebaut, um die Arbeitskräfte an die Werke zu binden (später gingen wir das ein oder andere mal dorthin zurück, um z.B. die Fußball-WM 1962 in Chile im Fernseher zu verfolgen). Meine Mutter blieb mit meinem ein Jahr älteren Bruder Norbert und mir zuerst noch in Karlsruhe. Mitte der 1955 Jahre zog dann meine Mutter mit uns in die neu erbaute Bergarbeitersiedlung in Dortmund-Marten/Hangeney. Wir wohnten im Umfeld der Zechen Germania (DO-Marten) und Zollern I/III u. II/IV (DO-Kirchlinde u. DO-Bövinghausen). Später gingen diese Bergwerke einen untertägigen Verbund ein.

Das Arbeitsumfeld meines Vaters
Mein Vater arbeitete im Gedinge (zwischen Betriebsleitung und Untertagearbeitern ausgehandelter Akkordlohn) als Hauer (Facharbeiter). Ich kannte ihn nur als schwer arbeitenden Menschen. Oftmals musste er Doppelschichten (8+8 Stunden hintereinander) verfahren. Oft kam er erst morgens nach Hause und brachten dann Anmachholz (Mutterklötzchen) für den Kohleofen mit. Höhepunkt für uns Kinder waren dann schon mal die nicht verspeisten Butterbrote (Hasenbrot) die mein Vater während seiner Schicht nicht aufgegessen hatte. Die waren i.d.R. immer besser belegt und bei uns Kindern sehr gefragt. Teilweise waren sie nach den Stunden unter Tage schon hart. Aber das störte keinen von uns. Tagsüber mussten wir dann schon mal leise in der Wohnung sein, damit mein Vater schlafen konnte. Alle 14 Tage gab es dann die Lohntüten. Das ein oder andere Mal holte meine Mutter mit uns Kindern meinen Vater auf der Zeche ab. Treffpunkt war dort die Lohnhalle. Das haben übrigens sehr viele Bergmannsfrauen gemacht. Nicht ohne Grund waren die umliegenden Kneipen an solchen Tagen bestens besucht. Mein Vater war kein Kneipengänger. Er trank seine Bierchen zu Hause. Sonntags allerdings traf sich mein Vater schon mal mit Arbeitskollegen an einer Trinkhalle. Es ging bei den Gesprächen um Arbeitsbedingungen, aktuelle Geschehnisse, Sport (Fußball, Boxen) und um Politik.
Inmitten der sogenannten Wirtschaftswunderjahre markierte das Jahr 1958 für den deutschen Steinkohlenbergbau den Ausgangspunkt für einen steten und langen Abwärtsprozess, von dem die Bergbauregionen, insbesondere das Ruhrgebiet, schwer getroffen wurden. Es begann das bis heute (2018) anhaltende Zechensterben. 1967 begleitete ich meinen Vater auf einer Demonstration gegen die Hansa-Zechenschließung in Do-Huckarde.

Das Familienleben
In der Hangeney-Siedlung (Do-Marten) wohnten in jedem Haus 8 Familien. Die Wohnungsgröße betrug 52 qm (davon rd. 10-12 qm Kinderzimmer). Die Wohnung wurde zuerst mit Kohle, später mit Koks geheizt. Bergleute erhielten Deputatkohle. Diese sollte den Bergleuten zum Kochen und Heizen in der eigenen Wohnung dienen. Deputatkohlen waren als Sachleistungen Lohnbestandteil und in den Tarifverträgen des Bergbaues festgelegt. Wir erhielten 7 Tonnen Kohle/Koks pro Jahr. Das reichte i.d.R. bei normalen Temperaturen aus. Der LKW brachte das Brennmaterial in 1- oder 2-Tonnenchargen. Das „Einschippen“ ins Kellerloch geschah sehr häufig durch uns Kinder mit Eimern. Es war für uns eine schwere Arbeit. Meine Mutter war, wie damals üblich, Hausfrau. Die Familie am Laufen halten. Einkaufen, Essen machen, Haushalt führen und Waschen (natürlich ohne Waschmaschine) waren die Tagesroutinen. 7 Tage die Woche.
In der Regel wohnten kinderreiche Familien (2-5 Kinder) in der Siedlung. Aufgrund der genannten Wohnungsgröße war Spielen in der Wohnung schlecht möglich. Im Kinderzimmer standen ein Etagenbett und ein weiteres Bett. Die Einrichtung vervollständigte ein Tisch. Ein 3-Bettzimmer war vonnöten geworden weil mein 2. Bruder Klaus 1956 das Licht der Welt erblickte. Spielen war deshalb so gut wie nur draußen möglich. Das war auch kein Problem, da die Straßen gegenüber heute wie „leergefegt“ wirkten und es auch waren. Wer hatte bis Mitte der 60er Jahre schon ein Auto? Bei uns in der Straße gab es nur eine Familie mit einem Auto (der Besitzer war Kantinenwirt auf einer Zeche und fuhr einen DKW Autounion 1000).
Der Hit war natürlich wie im Ruhrgebiet üblich das Fußballspielen. Es fanden Spiele auf einer riesigen Wiese, direkt auf der Straße in der wir wohnten oder zwischen den Häusern in der Siedlung statt. Die Bälle waren anfänglich entweder leere Büchsen oder alte Strümpfe, die man ineinander stopfte. Dort waren i.d.R. Kinder zwischen 5 und 12 Jahren beteiligt. Aufgrund der hohen Kinderzahl wurden von Zeit zu Zeit auch Spiele zwischen einzelnen Straßen ausgetragen. Später gingen viele in die umliegenden Fußballvereine. Allein 6 Vereine (2 in Kirchlinde, 2 in Marten, 2 in Westrich) waren in unmittelbarer Umgebung vertreten. Mein Verein war dann 10 Jahre (7-17) der VfR Kirchlinde, weil viele meiner Mitschüler dort ebenfalls kickten. Weitere Spiele unter uns Kindern waren: Indianer & Cowboy, Murmelspiel, durch die Wälder streifen, Lagerfeuer mit/ohne Kartoffeln, Fangen & Versteckspielen.
Auf „das durch die Wälder streifen“ möchte ich etwas näher eingehen: Der Wald lag nicht in unmittelbarer Nähe. Wir mussten erst lange Anmarschwege tätigen, um den Dellwiger Wald zu erreichen. Damals waren die Wälder noch mit einem Stacheldrahtzaun eingefasst. Jäger patrouillierten in den Wäldern und man durfte sich dort nicht erwischen lassen. Der Förster/Jäger hatte immer einen Hund dabei und wir hatten vor diesem einen gehörigen Respekt. Wir streiften kilometerweit durch den Dellwiger Busch (Ortsteil Do-Westrich/Lütgendortmund). Leichtsinnigerweise hatten wir uns häufig zu Hause auch nicht abgemeldet. Wenn´s dunkel wurde, das wussten wir, mussten wir wieder zurück sein. Im Dellwiger Wald gab es auch einen größeren Teich. Wir hatten immer Schnüre dabei. Einen kleinen Ast und ein paar Regenwürmer dienten dann als Angel. Einmachgläser hatten wir auch dabei und die gefangenen Wasserstieglitze wurden dann als Beute mit nach Hause gebracht. In den Wintern wurde, solange der Schnee liegen blieb, gerodelt und Schneemänner gebaut.

Mein Vater war auch Fußball-Fan. Selten besuchte er mit Arbeitskollegen das Stadion Rote Erde des BV Borussia Dortmund. 1960 sollte ich dann erstmalig ein Heimspiel (gegen Schalke 04) zusammen mit meinem Vater besuchen. Ein Arbeitskollege von meinem Vater hatte einen VW-Käfer. Dieser holte uns dann an dem Samstag vor der Haustüre ab. Leider war der Käfer schon überbesetzt (6 Erwachsene inkl. meines Vaters). Da musste ich in den sauren Apfel beißen und zu Hause bleiben. Die Tränen rollten bei mir. Später besuchten wir noch gemeinsam Spiele des BVB. Beim Eintritt ins Stadion wurde ich unter den Mantel meines Vaters gepackt und kam somit kostenlos ins Stadion.

Ab 1961 besuchte ich die Grundschule (Widey-Schule) in Do-Kirchlinde. Der Weg zur Schule betrug täglich 4 Kilometer Fußweg (Hin- u. Rückweg). Ich war ein guter Schüler und meine Noten waren so, dass ich eine weiterbildende Schule hätte besuchen können. Leider gab der Arbeitslohn meines Vaters keine Busfahrkarte her. Etliche meiner Freunde verließen die Grundschule. Ich blieb zukünftig ohne diese Freunde zurück auf der später genannten Hauptschule (9. Schuljahr). Das war für mich sehr entmutigend und ich litt sicher darunter.

Überhaupt das liebe Geld! Es reichte nur zum Allernötigsten. Wie häufig wurden wir Kinder an die Trinkhalle geschickt mit einem von meiner Mutter erstellten „Bettelzettel“. Dort stand dann: „Liebe Frau Köhler, bitte ein Pfund Mehl und und und „… ich bezahle dann am soundsovielten den Betrag“. Und? Frau Köhler lieferte. Und dies nicht nur an unsere Familie. Mir sagt das heute nur, dass meine Mutter Wort hielt und immer unsere Schulden beglich. Sonst hätte es ja wahrscheinlich nichts mehr gegeben. Ich hasste diese Wege mit dem Zettel zur Trinkhalle. Mir war es peinlich.

Was ich bis heute nicht vergessen kann sind die häufigen Bergwerksunglücke. In unserer Siedlung gab es nach einigen Jahren fast kein Haus mehr, wo nicht mindestens eine Familie ihren Ernährer verlor. Es war einfach nur schrecklich, wenn Freunde von mir verheult zum Fußballspielen kamen und fassungslos über den Tod ihres Vaters berichteten. Wie diese Familien über die Runden kamen ist mir bis heute ein Rätsel.

Mitte der 60er Jahre konnten wir einen Schrebergarten in Do-Westrich erwerben. Wie das finanziell überhaupt gehen konnte, weiß ich nicht. Vorstellen könnte ich mir eine jahrelange Ratenzahlung. Wir verbrachten von nun an sehr viel Zeit dort. In den „Großen Ferien“ lebten wir dann dort in unserem Häuschen. Mein Vater ging von dort zu Fuß zur Zeche. Der Schrecken auf dem Mittagstisch nannte sich „Quer durch den Garten“. Gemüse ohne Ende!

Für rund 1 ½ Jahre nahmen meine Eltern noch die Mutter meines Vaters auf (1967-1968). Weitere Hintergründe sind mir nicht bekannt. Es bedeutete für uns alle ein nochmaliges Zusammenrücken. Unser Etagenbett wurde nun in das Schlafzimmer der Eltern untergebracht. Mein älterer Bruder schlief im Wohnzimmer auf der Couch und Oma bekam das Kinderzimmer.

Nach dem Abschluss auf der Hauptschule 1969 begann ich eine Lehre (1. August) zum Industriekaufmann bei einem mittelständischen Unternehmen in Dortmund. 50 DM, 70 DM, 110 DM war mein Monatsgehalt für die jeweiligen 3 Lehrjahre. Für einen Urlaub reichte es bis zu meinem selbstfinanzierten Urlaub mit 17 Jahren nicht. Meine Familie besuchte ab und an ihre Heimat in Süddeutschland. Ansonsten waren wir bis dato nie in den Urlaub gefahren.

Was hat mich in den 60er Jahren sonst noch besonders beeindruckt?
• Zwischen 1962-1966 ermordete Jürgen Bartsch 4 Kinder in NRW. Wir Kinder erhielten von den Eltern den Rat mit niemanden mitzugehen.
• In Dortmund-Westrich gab es einen Mord an einem Mädchen. Dieser wurde von 2 (?) Jugendlichen aus der Nähe meines Wohnortes begangen.
• Ich war schon früh an Politik interessiert. Besonders die Kuba-Krise (Oktober 1962), der Tod John. F. Kennedys (November ´63), der 6-Tage-Krieg Israel (Juni ´67), der Vietnam-Krieg (1955-1975) sind mir aus damaliger Sicht noch gut in Erinnerung. Ich habe alle Krisen als bedrohlich empfunden.
• Mein Vater erzählte nichts über den II. Weltkrieg. Er wurde als 18-jähriger zum Militär eingezogen.
1972 verstarb mein Vater mit 49 Jahren. Zuletzt war er als Lagerist auf der Zeche Minister-Achenbach in Lünen tätig. Er hatte bis dahin alles für seine Familie gegeben.

Bewertung meiner Jugendzeit:
Ich erlebte eine behütete, liebevolle Kinder- und Jugendzeit. Rückblickend kann ich heute für mich konstatieren, dass mir die damalige monetäre Armut in der Familie dahingehend „gut“ getan hat, dass ich bis heute weiß, wo ich herkomme und ich meinen erarbeiteten Wohlstand zu schätzen weiß. Ich möchte diese Zeit nicht missen! Sie prägte mich bis heute.
1975 fing ich dann selbst beim Bergbau an. Erster Betrieb war die Zeche Viktoria in Lünen als Industriekaufmann. Ab 1979 war ich dann in der Hauptverwaltung der Bergbau AG Westfalen (Einkauf/Materialwirtschaft). Seit Anfang 2016 bin ich Rentner. Immer verbunden mit den ehrenwerten Bergmännern. Auch heute noch. Glück auf!

Eine Erinnerung von Rolf Schuchmann

12 Bewertungen

  1. anrührend

    Ein sehr anrührender Bericht.

  2. super

    Der Bericht erinnert an die eigene längst vergangene Kindheit. Super.

  3. Schöne Jugendzeit ? !!!!

    Kann ich nachempfinden, denn so habe och es auch erlebt.

  4. Schöne Jugendzeit ? !!!!

    Kann ich nachempfinden, denn so habe ich es auch erlebt.

  5. Erinnert mich auch fast an meiner Kindheit

    Super, bitte mehr davon Rolf 🙂

  6. Schöne Kindheitserinnerung

    Ein Bericht der mich sehr stark an die eigene Kindheit erinnert. Mein Vater war Funker bei der Marine. Nach dem Krieg konnte er nicht mehr zurück in seine Heimat, Schlesien. So fand er seine geflohene Familie, Onkels und Tanten in Sachsen. Lernte dort meine Mutter kennen und lieben. Nicht schlecht, denn so bin ich eine geborene Sächsin. Da es aber dort in Frankenberg, nah bei Chemnitz nicht viel Arbeit gab, gingen zuerst die Männer der Familie zuerst in den Westen und fanden schließlich alle einen guten Job auf den Rüttgerswerken. Dann folgten die Frauen mit ihrem Nachwuchs. Ganz nah am Werk wohnten auch wir und viele der Werksangehörigen. Die Kindheit, mit den Spielen und Freizeitaktivitäten war wohl ähnlich. Phantasie, Abenteuer und viel frische Luft .Bescheiden aber glücklich. Es ging langsam aber stetig bergauf und allen immer besser. Bisschen viel geworden, aber so ist das, wenn man sich erinnert;-) Danke auch für deine Schilderung

  7. ich war dabei heute bin ich 57

    Danke Meine kindheit war in der Germaniasiedlung und der text sprach mir so sehr aus meiner erinnerungen Danke

  8. Detaillierung der Geschichte

    Ich glaube, dass ich mit der Ergänzung meines Beitrages noch einige wichtige Sachverhalte detaillierter darlegen konnte. Ich sehe für das Projekt ZEITRÄUME auch noch Informationen, die in der Nachbearbeitung der vielen Artikel noch gebraucht werden können. Ich bin mir sicher, dass meine Kinder- und Jugendzeit stellvertretend für sehr viele Schicksale und Lebensumstände steht. Der letzte Film von A. Winkelmann hat mich sehr enttäuscht. Inhaltlich! Ich meine damit nicht die schauspielerische Leistung, sondern die dort geschilderten Erlebnisse einiger Protagonisten. So war es vielleicht punktuell, aber niemals herausragend.

    Wir hatten eine sehr schöne Jugendzeit, ohne das Erlebte verklären zu wollen. Es hat mich, und ich denke auch sehr viele meiner Altersgenossen, bis heute geprägt. Man muss das Erlebte in einen Kontext mit der damaligen Zeit sehen (z.B. Nachkriegszeit, Politik/Kalter Krieg, „Wirtschaftswunder“, Beginn der Bergbaukrise, finanzielle Situation in den Familien etc.).

  9. Das ist echt toll geschrieben, auch wenn ich die 60er nicht mitgemacht habe so habe ich viel von meinen Großeltern erzählt und alte Bilder bekommen. Ich fand, so hart die Zeit damals auch war, es war einiges besser ?

  10. So war es.

    Ich bin unter ähnlichen Umständen in den 60er Jahren in Dortmund-Sölde im Maiglöckchenweg aufgewachsen. Danke für deinen schönen Bericht.

  11. Ich bin Am Hangenay geboren

  12. Karl, wo denn genau und wann?

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